|
Südafrika nach der
Apartheid
Veranstaltungsbericht
Im April 1994 endete mit den ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes
die Epoche der staatlichen Rassendiskriminierung in Südafrika. Zehn Jahre nach
dem Sieg der Bürgerrechtsbewegung - des African National Congress (ANC) - zog
am 23. April 2004 eine Kooperationsveranstaltung des Instituts
Umwelt-Friede-Entwicklung mit dem Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches
Afrika (SADOCC), dem Dr. Karl Renner-Institut, der Ethiopian Community in
Austria, dem Evangelischen Arbeitskreis für Weltmission (EAWM), dem Österreichischen
Gewerkschaftsbund (ÖGB) und der International Union of Socialist Youth (IUSY)
Bilanz über die Südafrika zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid.
Gruber: Faire Partnerschaft notwendig
Im Eröffnungsreferat der Geschäftsführerin des Instituts
Umwelt-Friede-Entwicklung, Petra C. Gruber, zeigte sich ihr persönlicher Bezug
zu Afrika. "Wenn man einmal den schwarzen Kontinent besucht hat, dann lässt
man einen Teil seiner Seele dort und kehrt immer wieder zurück, heißt es. Für
mich hat sich das bewahrheitet", sagte Gruber. Mit einer Gruppe von
Studierenden der Uni Linz habe sie im Jahr 1995 das "Neue Südafrika"
besucht. Die Konfrontation mit der realen Lebenssituation der Menschen "in
einem Meer von Wellenblechhütten" sei für manche ein Schock gewesen. Hunger,
Mangelernährung, Aids, mangelnder Zugang zu Gesundheitsdiensten, fehlende
Bildungsmöglichkeiten, hohe Arbeitslosigkeit, Gewalt und Kriminalität hätten
das Bild geprägt. Trotzdem habe sie weder Neid, noch Hass, noch Feindseligkeit
gespürt, sondern Offenheit und Gastfreundlichkeit der Menschen erlebt. Dass der
Transformationsprozess in Südafrika friedlich verlaufen sei, sei Nelson Mandela
und seinem Lebenswerk einer freien, gerechten und versöhnten Gesellschaft zu
verdanken. Heute würden Touristen die betörende Schönheit des Landes genießen,
"von den Herausforderungen bekommt der Tourist aber nichts mit." Gruber
betonte die Rolle einer aktiven Zivilgesellschaft für veränderte
weltpolitische und weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen. Es brauche auf
globaler Ebene eine faire Partnerschaft, sagte die Geschäftsführerin des
Instituts Umwelt-Friede-Entwicklung.
Mbalula: Demokratie stärken
Eine Bilanz Südafrikas zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid zog Fikile
Mbalula, der Vorsitzende der Jugendorganisation des ANC und Präsident der
International Union of Socialist Youth. Mbalula erinnerte an den Beginn des weißen
Rassismus durch die holländischen und englischen Kolonialherren. Die
eigentliche Apartheid-Politik begann 1948 mit dem Wahlsieg der nationalistischen
Partei. Es habe immer wieder Widerstand gegeben, doch erst mit der Gründung des
ANC im Rahmen einer Versammlung südafrikanischer Stämme im Jahr 1912 habe es
eine einheitliche Bewegung gegeben. Bis in die 1940er Jahre sei der ANC eine
pazifistische Organisation gewesen. Die 1944 gegründete Jugendliga habe diese
pazifistische Strategie kritisiert und "radikalere Ansichten" vertreten,
berichtete Mbalula. Der ANC habe in der Folge den radikalen Kampf begonnen. Er
sei als Vehikel zur Einigung aller von der Apartheid Betroffenen verstanden
worden.
Das Ende der Apartheid im Jahr 1994 sei kein Wunder gewesen, argumentierte der
ANC-Funktionär, sondern Ergebnis des Kampfes der unterdrückten Bevölkerung
und der Exil-Südafrikaner. Im Jahr 1990 habe der letzte Präsident der
Apartheid-Ära, de Klerk, alle politischen Gefangenen entlassen, erinnerte der
ANC-Funktionär.
In seiner Bilanz der vergangenen zehn Jahre des ANC-regierten Afrika betonte
Mbalula, der ANC habe sich in seinem Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm
unter anderem für ein positives Wirtschaftswachstum und Geschlechtergleichheit
stark gemacht. Vor allem in den armen Gesellschaftsschichten wolle man die
Klein- und Mittelbetriebe stärken. Neben der Verbesserung der Versorgung mit
Wasser, Wohnraum, Gesundheit und Bildung habe man auch die Steuern schrittweise
reduziert, um Anreize für mehr Investitionen zu geben. Es sei jedoch falsch,
den Kurs des ANC als "neoliberal" zu kritisieren, wie das gelegentlich
unternommen werde, kritisierte der ANC-Politiker.
Wichtig sei dem ANC auch die Stärkung der Demokratie, denn diese nehme man
nicht als garantiert an, und man dürfe Demokratie nicht nur auf Wahlgänge
reduzieren. Es sei nicht Ziel des ANC, die Verfassung zu ändern. Man sei offen
für die Zusammenarbeit mit anderen politischen Kräften.
Als Herausforderungen für das nächste Jahrzehnt formulierte Mbalula die
Konsolidierung der nationalen Einheit, die Reduzierung der Armut, die Bekämpfung
von HIV/Aids und die - wirtschaftliche - Zusammenarbeit mit den Nachbarn.
Generell brauche es in Afrika starke Institutionen. Mbalula unterstrich die
Bedeutung der Gewaltenteilung. "Wir sehen uns nicht als Insel, sondern als
Teil des afrikanischen Kontinents", erklärte der ANC-Funktionär. Die
regionale Integrationspolitik spiele dabei eine wichtige Rolle. Lösungen für
Afrika müssten von den Afrikanern selbst kommen. Die Jugendorganisation
charakterisierte Mbalula als "Reservoir politischer Talente für den ANC",
man sei aber nicht der "Kindergarten des ANC."
Podiumsdiskussion: Beziehungen zwischen Österreich und Südafrika am Prüfstand
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion erörterten Pat Thema (Südafrikanische
Botschaft), Caroline Gudenus (Außenministerium), Robert Zeiner (Austrian
Development Agency) und Guido Stock (Wirtschaftskammer Österreich) die
Perspektiven zukünftiger Zusammenarbeit zwischen Österreich und Südafrika.
Thema dankte für die Solidarität der internationalen Gemeinschaft im Kampf
gegen die Apartheid. Er zitierte Nelson Mandela, der stets klargestellt habe,
dass er gegen weiße und gegen schwarze Vorherrschaft und für eine
demokratische und freie Gesellschaft gekämpft habe. Dieses Ideal gelte nach wie
vor. Zur Zusammenarbeit mit Österreich erklärte der erste Sekretär der südafrikanischen
Botschaft, dass es viel Raum für Kooperationen gebe. Er regte u.a. die
Zusammenarbeit zwischen den neun Provinzen des Landes und den neun Bundesländern
Österreichs an. Die Zusammenarbeit sei wichtig, um gemeinsam die
Herausforderungen der Globalisierung bewältigen zu können. Thema unterstrich
die Bedeutung starker Institutionen, wettbewerbsfähiger Märkte, guter
Regierung und kommunaler Services. Dafür sei es auch notwendig, die ausländischen
Direktinvestitionen den Technologietransfer und die Entwicklung von
Humanressourcen zu stärken. Eine nachhaltige Entwicklung könne es in Afrika
nur dann geben, wenn statt Gewalt und Instabilität der Respekt für Demokratie
und Menschenrechte bestehe.
Thema würdigte die Bedeutung der Kooperation mit Österreich und vor allem mit
der EU. Als Wunsch deponierte er, Österreich möge die Bewerbung Südafrikas für
den Fußball-Weltcup 2010 unterstützen.
Gudenus: Fortschrittliche Verfassung
Caroline Gudenus, die selbst an der österreichischen Botschaft in Pretoria tätig
war, hob die "unglaubliche Transformation" Südafrikas in den vergangenen
zehn Jahren hervor. Obwohl vor zehn Jahren bürgerkriegsähnliche Zustände
geherrscht hatten, sei letztlich doch ein friedlicher Übergang gelungen.
Gudenus würdigte zudem die Fortschrittlichkeit der südafrikanischen
Verfassung, auf deren Basis sich das Land radikal verändert habe. Der Vergleich
der Transformation mit den mittel- und osteuropäischen Ländern gelte nur
bedingt, da die "abstrusen Strukturen, Verformungen und Verzerrungen" in Südafrika
noch viel ausgeprägter gewesen seien. Sie habe Südafrika Anfang der 90er Jahre
als zutiefst zerrissenes Land erlebt, in dem unterschiedliche Welten "scharf
voneinander getrennt waren." Die Mauern von damals seien keineswegs
verschwunden, sie seien aber niedriger geworden. Von großer Bedeutung sei die
Entwicklung einer jungen Generation gut ausgebildeter, selbstbewusster Menschen.
Zu den Beziehungen Österreichs zu Südafrika verwies Gudenus auf das österreichische
Mittragen der Sanktionen gegen das Apartheid-Regime und auf die etwa 15.000 in Südafrika
lebenden Österreicher, die einen "wichtigen Link" vor allem im Bereich der
Wirtschaft darstellten. Die österreichische Entwicklungshilfe sei zwar nicht
auf Südafrika orientiert, man kooperiere auf bilateraler Ebene aber trotzdem
"in nicht unbedeutendem Ausmaß." Österreich sei zudem in ein großes
Entwicklungshilfeprojekt der EU in Südafrika involviert. Gudenus strich die
Wichtigkeit der Zusammenarbeit im multilateralen Bereich hervor und nannte als
Beispiele die Initiative zur Vernichtung leichter und kleiner Waffen und die
Kriminalitätsbekämpfung. Sie persönlich unterstütze Südafrikas Kandidatur für
den Weltcup 2010, sagte die Diplomatin.
Zeiner: Lokale Verwaltung unterstützen
Robert Zeiner von der Austrian Development Agency erläuterte, wie Österreich
im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit Südafrika kooperiert. Dies
erfolge nicht aufgrund eines staatlichen Vertrages, sondern durch eine
Programmierung von Initiativen in den Bereichen Demokratie, Menschenrechte und
Dezentralisierung. Das aktuelle Ländersektorprogramm gelte bis Ende 2004. Es
sehe die Unterstützung beim Aufbau lokaler Verwaltungsstrukturen, das
Empowerment der Zivilgesellschaft und die Förderung des Zugangs der Bevölkerung
- und insbesondere Benachteiligter - zum Recht vor. Diese Aktivitäten, für
die etwa 1 Mio Euro pro Jahr zur Verfügung stehen, würden von NGOS durchgeführt.
Auch Zeiner hob die Zusammenarbeit über multilaterale Organisationen und die
EZA-Aktivitäten der EU hervor, an deren Finanzierung Österreich mit einem
Anteil von 2,65% beteiligt sei. Auch hier stünden lokale Gemeindestrukturen,
Ausbildungs- und Trainingsprogramme sowie der Aufbau von Interessenvertretungen
und demokratischen Strukturen sowie die Unterstützung bei gesetzlichen Maßnahmen
und die Gleichstellung von Mann und Frau im Mittelpunkt.
Für die kommenden beiden Jahre sei davon auszugehen, dass die bisher
aufgewendeten Mittel Österreichs in gleicher Höhe zur Verfügung stünden.
Ziel sei es, die Initiativen regional noch besser zu vernetzen. Der Experte für
Entwicklungszusammenarbeit unterstrich die Bedeutung der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit. "Darin liegt die Zukunft", bilanzierte Zeiner.
Stock: Red Bull-Ausführ viermal so hoch wie Entwicklungshilfe
Wirtschaftskammer-Experte Guido Stock betonte, dass Südafrika ein interessanter
Wirtschaftspartner sei. Das Bruttosozialprodukt liege bei 2900 USD pro Kopf,
dies sei ein Zehntel des österreichischen Wertes. Die WKÖ betreue diesen Markt
mit einer eigenen Außenhandelsstelle. Man müsse das Engagement in Südafrika
jedoch im Verhältnis zum Rest der Welt sehen. Gerade ein Prozent des österreichischen
Außenhandels werde mit Afrika abgewickelt. Nur 0,29% der österreichischen
Gesamteinfuhren stammen aus Südafrika, während 0,43% unseren Ausfuhren nach Südafrika
gehen. "Südafrika ist ein interessantes Land, mit dem wir mehr machen müssen",
sagte Stock. In den letzten fünf Jahren seien die Importe von 159 auf 235 Mio
Euro angestiegen, die Ausfuhren seien um 73% auf 336 Mio Euro angestiegen.
Österreich beziehe aus Südafrika vor allem Rohstoffe, Früchte und Zellstoff
und exportiere Maschinen und Anlagen, Bestandteile für die Autoindustrie. Der
Export von Red Bull betrage das Vierfache der österreichischen Ausgaben für
die Entwicklungszusammenarbeit, rechnete der Experte vor. Die Investitionstätigkeit
erfolge mittlerweile in beide Richtungen. So sei die österreichische
Papierindustrie mehrheitlich in südafrikanischer Hand. Der Schlüssel zum
Wohlstand liege jedenfalls im Außenhandel. Österreich und Südafrika ergänzten
sich gut. Stock betonte, dass Österreich Hilfe bei der Ausbildung von Arbeitskräften
liefern könne. Interesse bestehe auch an der gemeinsame Bearbeitung
afrikanischer Märkte. Die Wirtschaft gehe grundsätzlich dorthin, wo "sie
sich gut aufgehoben fühlt." Bestimmte Maßnahmen im Rahmen des Black
Empowerment Programms - etwa die Abgabe von Gesellschaftsanteilen ausländischer
Unternehmen - seien jedoch dazu angetan, ausländische Investoren zu
erschrecken, gab Stock zu verstehen. Aus Sicht der Wirtschaftskammer sei die
Entwicklung insgesamt sehr positiv, "wir werden uns bemühen, Südafrika auch
aus dem Interesse der Wirtschaft heraus zu begleiten," erklärte der WKÖ-Experte.
|