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Keine Zeit für
Nachhaltigkeit?
Veranstaltungsbericht
Hat das für das 20. Jahrhundert paradigmatische "jederzeit, alles und
sofort"- Haben tatsächlich zu mehr Freiheit geführt - oder weitere Abhängigkeiten,
Zwänge und Stress gebracht, die einem sinnerfüllten, authentischen Leben im
Wege stehen? Was können wir im Sinn einer neuen Zeitkultur von anderen Kulturen
lernen? Diese Fragen standen am 31. März 2004 im Mittelpunkt einer
Podiumsdiskussion des Instituts Umwelt-Friede-Entwicklung und der Politischen
Akademie der ÖVP mit "Lebensminister" Josef Pröll, dem libertären
Politikwissenschafter und Publizisten André Lichtschlag, dem Soziologen und
Kulturanthropologen Andreas J. Obrecht und dem Ganzheitsmediziner Georg Wögerbauer
unter der Leitung von Renate Graber (Der Standard).

Gruber: Grenzen akzeptieren
Petra C. Gruber, Geschäftsführerin des Instituts Umwelt-Friede-Entwicklung,
betonte bei der Eröffnung der Veranstaltung, das Streben nach einer
vermeintlich gesicherten Zukunft lasse wenig Zeit und Raum für das Leben im
Jetzt, die Gier nach den allerneuesten Statussymbolen und der Stress um
berufliches Prestige machten uns krank. Es gehe darum, nicht-nachhaltige
Produktions- und Lebensweisen zu verändern. Gruber: "Umfassende Sicherheit
und wahre Freiheit werden erst möglich, wenn wir Grenzen erkennen und
akzeptieren." Der dominierenden Ökonomie gelte es wieder eine der
Gesellschaft dienende Funktion zuzuordnen. Die Industrienationen hätten in den
vergangenen Jahrzehnten versucht, ihre Entwicklung in den Rest der Welt zu
exportieren. Dies habe Abhängigkeiten der Länder geschaffen und traditionelle
Glaubensvorstellungen und kulturspezifische Ausdrucksformen entwertet.
Entwicklung bedeute aber die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten. "Wer diese
Gedanken für naiv und romantisierend hält, dem empfehle ich eine Zeitreise zu
den anderen vier Fünfteln der Menschheit oder eine Pilgerreise. Dabei lässt
sich wieder entdecken, was intensives, maß- und genuss-volles Bewusst-Sein
ausmacht." Es brauche mehr Zeit und Raum für ein sinnerfülltes Leben.
Nachhaltigkeit bedeute "diese andere Art von Reichtum - Wohlstand, der auch
geistige Entwicklung und seelisches Gleichgewicht umfasst."

Wögerbauer: Abschied vom Anthropozentrismus
Der im Waldviertel lebende Ganzheitsmediziner Georg Wögerbauer berichtete von
Begegnungen mit Menschen in Afrika. Die Menschen lebten dort mit einem anderen
Bezug zur Zeit, sehr begegnungs- und beziehungsorientiert und sehr herzlich.
Dies hänge mit einer Lebenskultur der Abschiedlichkeit zusammen, die ein
bewussteres Leben nach sich ziehe. "Wir hier haben einen eher neurotischen
Umgang mit der Zeit", kritisierte der Mediziner. Zeit könne man weder haben,
noch nicht-haben. Zeit sei einem geschenkt. "Wir tun aber so, als wäre unsere
Zeit unbegrenzt. Viele Leute laufen herum und wissen nicht, was sie mit ihrer
freien Zeit tun sollen", sagte Wögerbauer, der dies als "Shopping City Süd-Syndrom"
bezeichnete. Das "Haben" nehme uns Mobilität, das "Sein" hingegen mache
uns beweglich. Wo Emotionalität und Motionalität integriert seien, "dort
passiert nachhaltige Entwicklung", meinte der Ganzheitsmediziner. Er plädierte
für einen Abschied vom Anthropozentrismus und dafür, "rückgebunden mit der
Natur zu leben, aus der wir kommen."

Lichtschlag: Kapitalismus spart Zeit
Ein libertäres Verständnis von Zeitkultur präsentierte hingegen der
Politikwissenschafter André F. Lichtschlag. Aus libertärer Perspektive stehe
das Selbsteigentum des Menschen im Mittelpunkt. Wenn sich jeder selbst gehöre,
dann gehörten ihm auch die Früchte seiner Arbeit. Leider arbeiteten wir heute
die Hälfte der Zeit für den Staat, kritisierte er. Libertäre wollen - als
konsequente Liberale - die auf Selbsteigentum beruhende
Privateigentumsgesellschaft und den Kapitalismus pur. Lichtschlag hob als
Leistung des Liberalismus hervor, Hungersnöte in Friedenszeiten aus der Welt
geschafft zu haben. Der "unglaubliche Erfolg des Kapitalismus" liege darin
begründet, dass die ultimative Ressource jeder Wirtschaft der individuelle
Mensch sei. Dieser wisse am besten, wie er diese Ressource einsetze. Werde die
Freiheit beschnitten, verhindere dies den freien Austausch und die Kooperation
mit anderen.
Der Sozialismus habe hingegen mit staatlicher Planung den Fortschritt verhindert
und zig Millionen Tote durch Hungersnöte verursacht. Der Bezug des Kapitalismus
zum Privateigentum sei auch als moralische Kategorie zu verstehen. "Wenn wir
uns nicht selbst gehören, dann sind wir Sklaven des Anderen. Der Sozialismus
ist eine unmoralische Idee", argumentierte der Politikwissenschafter. Er halte
den Kapitalismus vor diesem Hintergrund für eine große
"Zeiteinsparmaschine". Die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten hätten
sich in den vergangenen 100 Jahren um mehr als die Hälfte verringert. "Wir
leben auf sehr hohem Niveau mit sehr viel Freizeit. Die Reichen werden immer
reicher, aber auch die Armen werden reicher", sagte Lichtschlag. Jeder solle
mit seiner Zeit tun und lassen können, was er wolle: "Überlassen wir unsere
Zeit nicht Dritten, entscheiden wir uns für ein System, das dies zulässt: den
Kapitalismus pur."
Obrecht: Armut differenziert betrachten
Kulturanthropologe Andreas J. Obrecht entgegnete, dass es den europäischen
Eigentumsbegriff für vier Fünftel der Menschheit gar nicht gebe. Er habe viel
Zeit in zeitreichen Gesellschaften verbracht, in denen der Begriff des
Privateigentums nicht existiere: "Eigentum und Zeit werden als
gemeinschaftliches Gut begriffen, das gemeinsam zu nutzen ist." Unsere
Zeitrationalität bestehe in den Augen anderer Kulturen darin, "ständig auf
etwas zu warten, was nicht kommt." Obrecht plädierte in diesem Zusammenhang für
eine differenzierte Betrachtung von Armut. Die einzigen unlimitierten Ressourcen
der sogenannten Entwicklungsgesellschaften seien Zeit und menschliche
Arbeitskraft. "Armut erscheint uns oft als Fehlen von Gütern und
Dienstleistungen. Um andere Zeitrationalitäten verstehen zu können, ist es
wichtig, unseren Begriff von Armut zu relativieren", forderte der
Kulturanthropologe. Vor dem Hintergrund der kürzeren Lebenserwartung in den
Entwicklungsländern müsse man auch eine rein quantitative Betrachtung der
Lebenszeit in Frage stellen. "Es geht um erfüllte Zeit", sagte Obrecht. Er
sprach sich deshalb dafür aus, zwischen Armut und Verelendung zu unterscheiden.
Armut dürfe man nicht im Vorhinein verunglimpfen. Arme Gesellschaften seien
zumindest zeitreiche Gesellschaften. "Wir haben keine Bild mehr für die
Zukunft, sie ist ein leerer und offener Raum für uns. In zeitreichen
Gesellschaften wird die Zukunft als Wiederholung der Vergangenheit begriffen",
sagte er. Dies müsse man auch in Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen
sehen. Nur die reichen Gesellschaften seien teilweise säkularisiert, in anderen
Gesellschaften sei der "Skeptizismus in Bezug auf die Sinngebung des Lebens
nicht vorhanden. Man hat eine andere Relation zum Leben, wenn der Tod kein großes
Fragezeichen ist."
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