Institut für UMWELT-FRIEDE-ENTWICKLUNG

Schafft Nachhaltigkeit Wohlstand?
Veranstaltungsbericht


Bei der Präsentation des neuen Bericht an den Club of Rome unter dem Titel "Nachhaltigkeit schafft neuen Wohlstand" beleuchteten am 16. März im Haus der Industrie hochkarätige Expert/innen - darunter IUFE-Geschäftsführerin Petra C. Gruber - die Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen Entwicklung.

Was bedeuten Wohlstand und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung? Wie können Gegensätze zwischen Wirtschaft-Umwelt-Mensch/Gesellschaft integriert und der erforderliche Kurswechsel in allen Lebensbereichen bewerkstelligt werden? Warum braucht es ein neues Bewusstsein sowie eine neue Qualität der Partnerschaft der Nationen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Präsentation und Diskussion des neuen Berichts an den Club of Rome. Unter der Leitung von DI Dr. Alfred STRIGL (Österreichisches Institut für Nachhaltige Entwicklung) referierten und diskutierten DI Lorenz FRITZ (Generalsekretär der Industriellenvereinigung), DI DDr Reinhard MANG (Lebensministerium), Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Club of Rome Berlin), DI Dr. h.c. Josef RIEGLER (Ökosoziales Forum Österreich), Dr. Karin FEILER (BM für Wirtschaft und Arbeit), Dkfm. Günther ROBOL (Föhrenbergkreis), Univ.-Prof. Dr. Stefan SCHLEICHER (Föhrenbergkreis) und Dr. Petra GRUBER (Institut für Umwelt - Friede - Entwicklung).

Fritz: Nachhaltigkeit bewegt uns alle

IV-General Lorenz Fritz bekannte sich dazu, dass die Industrie ihren Beitrag zur Erreichung des Kyoto-Klimaziels leisten werden. "Wogegen wir uns wehren ist aber, dass man uns mit der Klimastrategie aus dem Land vertreibt", kritisierte er. Nachhaltigkeit sei mehr als Ökologie, "Nachhaltigkeit bewegt uns alle", erklärte Fritz. Die Lissabonstrategie bezeichnete er als "zentrale Strategie für uns Unternehmer", es gehe schließlich darum, das europäische Sozialmodell zukunftssicher zu machen und zu den Wachstumsmärkten der USA und Asiens aufzuschließen. Österreich liege in der Umsetzung der Strategie "gar nicht so schlecht." Fritz verwies auf die Bedeutung von "Corporate Social Responsibility" als Konzept, mit dem die nachhaltige Entwicklung in die Unternehmensstrategie integriert werde. Fritz: "CSR ist kein PR-Programm, sondern ein Managementkonzept."

Mang: Marktwirtschaft für Nachhaltigkeit nützen

Nachhaltigkeits-Sektionschef Reinhard Mang verwies darauf, dass Österreich als "europäischer Raum für eine Politik der Nachhaltigkeit" von Experten gelobt werde. Dabei spiele die ökosoziale Marktwirtschaft eine entscheidende Rolle, mit der Josef Riegler eine ganze Politikergeneration geprägt habe. Zudem entdeckten immer mehr Unternehmen die Chancen einer nachhaltigen Politik, es gäbe beispielsweise immer mehr aussagekräftige Nachhaltigkeitsberichte. Wirtschaft und Industrie würden sich engagiert an der Umsetzung der Österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie beteiligen. "Gemeinsam müssen wir dafür Sorge tragen, dass eine nachhaltige Politik Wohlstand schafft. Wohlstand alleine führt nicht zu nachhaltiger Entwicklung", erklärte Mang und wies auf die Bedeutung der Zivilgesellschaft hin. Ziel müssten die richtigen Rahmenbedingungen dafür sein, dass funktionierende Marktmechanismen Motor einer nachhaltigen Entwicklung sein könnten. Mang forderte eine Neudefinition von Wohlstand im Sinn eines "dematerialisierten Wohlstandsbegriffs." Während auf nationaler Ebene gesetzliche Rahmenbedingungen wichtig seien, spielten auf internationaler Ebene Umweltvereinbarungen - wie das Kyoto-Protokoll - eine wichtige Rolle.
"Auch unser Leben muss von Nachhaltigkeit geprägt sein, nur dann wird der Globus nachhaltiger werden", resümierte Mang. Der Bericht an den Club of Rome bringe dafür viele konkrete Handlungsanweisungen.

Riegler: Dem Markt den richtigen Rahmen setzen

Vizekanzler a.D. Josef Riegler unterstrich den offenen und positiven Zugang des Berichts zum Thema Nachhaltigkeit. Es entspreche einer "uralten Erfahrung, dass Raubbau oder Schulden bzw. ein Leben auf Kosten der Zukunft zwar kurzfristigen Wohlstand vortäuschen kann, aber die bittere Wahrheit folgt auf jeden Fall", warnte er. Wir könnten nur von den Zinsen leben, aber nicht vom Kapital bzw. von der Substanz, erklärte Riegler den Nachhaltigekeitsgedanken. Die notwendige Balance zwischen Zivilisation und Öko-System sei vor 30 Jahren verlassen worden, "wir leben seither zunehmend von der Substanz", kritisierte er. Nachhaltigkeit könne zwar neuen Wohlstand schaffen, werde aber aufgrund der gegenwärtigen ökonomischen Rahmenbedingungen "sehr oft bestraft, unser derzeitiges System ist global betrachtet sehr unfair." Die technologische Revolution und die Möglichkeit, Produktionsstandorte weltweit zu verlagern, habe bewährten Formen der nationalstaatlichen Politikgestaltung den Boden unter den Füßen entzogen. "Es fehlt uns eine globale Politikgestaltung. Eine einseitige, neoliberale Wirtschaftsdoktrin dominiert das wirtschaftliche und politische Geschehen", argumentierte der Präsident des Ökosozialen Forums.
Die Segnungen des freien Marktes seien eine Chimäre, solange es keine fairen Rahmenbedingungen gebe und Preise und Kosten nicht die richtigen Signale setzten. Die Politik müsse lernen, sich global so zu vernetzen, damit es faire Spielregeln für den globalen Wettbewerb gebe. Es gehe letztlich um eine ökosoziale Marktwirtschaft im weltweiten Maßstab und um Solidarität, um ein friedensstiftendes Zusammenleben. "Das ist die große Herausforderung, die einen gigantischen Wandel erfordert", erklärte Riegler und unterstrich die Notwendigkeit eines globalen Marshall-Plans für eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft zur Erfüllung der lebensnotwendigen Bedürfnisse aller Menschen. Er hoffe, dass die EU diese Initiative tragen werde. Es sei eine Riesenchance für Europa, mit einem positiven globalen Konzept aufzutreten.

Weizsäcker: Bewusstseinswandel ist Titanenaufgabe

Ernst Ulrich von Weizsäcker macht in seinem Referat deutlich, dass Politik als auch Wirtschaft heute unter "erheblichen Spielraumbegrenzungen" leiden. Dies hänge mit dem Phänomen der Globalisierung zusammen. Neben den technologischen Entwicklungen sei dies vor allem auf das Ende des Ost-West-Konfliktes zurückzuführen. Bis 1990 sei es für die Länder leicht gewesen, dem globalen Kapital mitzuteilen, dass ein Land in den Kommunismus abrutschen könne, wenn sich das Kapital dem sozialen Konsens nicht halbwegs unterordne. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes können die Unternehmen mit der Abwanderung drohen, wenn der shareholder value nicht floriere. "Diese Art von Erpressung war bis 1990 politisch inkorrekt. Es war politisch nicht möglich, das so brutal zum Ausdruck zu bringen", resümierte Weiszäcker. Auch das einzelne Unternehmen sei der neuen Situation "auf brutalste Weise" ausgeliefert. "Der Stress für die CEOs ist nach 1990 größer geworden, früher war es gemütlicher", sagte der Naturwissenschafter. Es stelle sich die Frage, was die Politik angesichts dieser Situation wirklich unternehmen könne.
Weizsäcker plädierte für eine neue Balance zwischen Marktwirtschaft und Demokratie und eine "Neuerfindung der Demokratie." Es gehe um eine sanktionsbewehrte "Global Governance", sagte der Naturwissenschafter.
Er setzte große Hoffnung in die nationale und internationale Zivilgesellschaft: "Was wir brauchen, ist der Schulterschluss zwischen der moralisch bewussten, langfristig denkenden Zivilgesellschaft, den nationalen Parlamenten und den Regierungen."
Es komme auf die richtigen Rahmenbedingungen an: Die Politik solle Steuerprivilegien für Pensionsfonds schaffen, "die sich anständig verhalten", sagte Weizsäcker. Er betonte die Wichtigkeit globaler Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd sei die Grundlage dafür, um eine effiziente Klimapolitik realpolitisch durchsetzen zu können.
In den Mittelpunkt seiner Ausführungen über den notwendigen technologischen Paradigmenwechsel stellte Weiszäcker das bekannte "Faktor 4"-Konzept. Um doppelten Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch zu schaffen, sei ein entsprechendes Bewusstsein der Konsumenten erforderlich. Diesen Bewusstseinswandel bezeichnete Weizsäcker als "Titanenaufgabe." Er verwies darauf, dass mit der Nachhaltigkeitsdiskussion untrennbar der Wert der Genügsamkeit verbunden sei.

Feiler: Trendumkehr ist möglich

Nachhaltigkeitsberichts-Herausgeberin Karin Feiler unterstrich, dass ein ganzheitlicher Ansatz notwendig sei, um die Auswirkungen jeglicher Entscheidung berücksichtigen zu können. Dies mache die Umsetzung des Nachhaltigkeitskonzeptes so schwierig. Im Rahmen des Rio-Prozesses arbeiteten die meisten Nationen an den dafür notwendigen Strukturen. Die zentralen Herausforderungen für die Menschheit hätten sich nicht geändert: Klima, Bevölkerungsentwicklung und technische Innovation wären die entscheidenden Entwicklungen, die in Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit stünden. Neu seien die Chancen der Massenkommunikation. Wichtig sei die Frage des sozialen Wohlergehens der Menschen, denn dieses sichere die Lebensqualität des Einzelnen. Nur eine nachhaltige Entwicklung bringe wirtschaftliche Unabhängigkeit von Energiequellen und Ressourcenschonung. Der vorliegende Bericht an den Club of Rome zeige, "dass wir das Potential haben, die Trendumkehr zu schaffen."


Robol: Nachhaltige Entscheidungen rechnen sich nicht

Föhrenbergkreis-Vordenker Günther Robol erklärte in Reaktion auf die Äußerungen von Lorenz Fritz, er habe nicht den Eindruck einer "heilen Welt", sondern orte zunehmende Umweltbelastung und Umweltvernichtung. Er höre oft die Argumentation, dass man sich Ökologie erst bei entsprechendem Wachstum leisten könne. Robol warnte davor, die volkswirtschaftliche und die einzelwirtschaftliche Perspektive zu vermischen. Während es auf volkswirtschaftlicher Ebene ein Interesse an einer nachhaltigen Entwicklung gebe, seien die Unternehmen an Ergebnisverbesserung, Gewinn interessiert - und nicht an Nachhaltigkeit. Robol kritisierte, dass "falsch gemessen" werde: "Wir rechnen Wohlstand im Sinn der Steigerung des Sozialproduktes." Die Politik unterwerfe sich zu oft ökonomischen Zwängen, verwechsle volks- und einzelwirtschaftliche Phänomene. Sparen bedeute auf volkswirtschaftlicher Ebene bloß Wirtschaftsabbau, kritisierte das Föhrenbergkreis-Mitglied. Das System des Zinses und Zinseszinses zwinge die Wirtschaft dazu, Entscheidungen zu treffen, die sich rechneten. Langfristige nachhaltige Entscheidungen rechneten sich nicht, weshalb kurzfristiges Handeln die Folge sei.
Nachhaltigkeitsüberlegungen seien überlebensnotwendig, aber leider in Widerspruch zu unternehmerischen Zielsetzungen. Die Politik müsse die Rahmenbedingungen so ändern, dass die Zielsetzungen der Wirtschaft mit den Prioritäten der Menschen vereinbar seien. Die Behauptung, "wenn es den Unternehmen gut geht, geht es uns allen gut", sei eine absurde Verdrehung menschlicher Prioritäten, erklärte Robol.

Schleicher: Visionen für neue Strukturen gefragt

Wirtschaftsforscher Stefan Schleicher (WIFO, Uni Graz) stellte fest, dass mit dem Begriff der Nachhaltigkeit viel Beliebigkeit verbunden sei. Man solle sich mit der Verwendung des Wortes deshalb zurückhalten, schlug er vor. Nachhaltigkeit sei zu stark mit Umwelt assoziiert worden, es gehe aber um viel mehr. Nur jene Unternehmen hätten Jahrzehnte überleben können, die für die Gesellschaft wertvolle Dienste erbrächten. Er verstehe unter Nachhaltigkeit Zustände, "von denen wir uns wünschen, dass sie Bestand haben." Auf den Finanzmärkten gebe es hingegen Zustände, die Gewinnspielcharakter hätten.
Ein wirtschaftliches "Fitnessprogramm" und struktureller Wandel, nicht nur Strategieänderungen seien etwa im Bereich der Alterung der Gesellschaft notwendig. Die bislang geführte Diskussion um das Pensionssystem sei naiv. Man müsse vielmehr fragen, ob ältere Menschen künftig ein Drittel ihres Einkommens für Energie ausgeben sollten. Die Frage sei, wieviel Einkommen man im Alter brauche. Es sei erforderlich, mit Technologien bewusster und innovativer umzugehen, forderte Schleicher. Das politische System schaffe es nicht, langfristige Umstrukturierungen in Gang zu setzen. Es brauche "Visionen über neue Strukturen" und neues Lobbying, erklärte der Wirtschaftsforscher.

Gruber: Dem Wohlstand neuen Sinn geben

Petra C. Gruber, Geschäftsführerin des Instituts Umwelt-Friede-Entwicklung und eine der Autor/innen des neuen Berichts an den Club of Rome, erklärte, dass Nachhaltigkeit nicht verordnet werden könne. Es brauche einen gesellschaftlichen Konsens über die Wahrung des Gemeinwohlinteresses und der Natur, der zwischen allen Akteur/innen immer wieder neu auszuhandeln sei. Gruber: "Es geht um die Wiederbelebung politischer Gestaltungsmacht. Die Frage ist, welche Werte uns wichtig sind und welche Normen wir daraus ableiten." Menschliches Glück sei nicht eine Frage des Wohlstandes. Gruber: "Ist ein sinnerfülltes Leben nicht erstrebenswert? Sind Ruhe und Zeit nicht der wahre Luxus? Nachhaltigkeit meint eine andere Art des Reichtums, sie gibt dem Wohlstand neuen Sinn - weit über die materielle Bedürfnisbefriedigung hinaus".
Die Wissenschafterin kritisierte den jahrzehntelangen Export des Entwicklungsverständnisses der Industrieländer in die "Entwicklungsländer". Damit seien auch traditionelle Glaubensvorstellungen entwertet, neue Abhängigkeiten geschaffen, die Antriebskraft der Menschen erstickt und die Umweltzerstörung beschleunigt worden. Gerade Umweltkatastrophen würden die Menschen in benachteiligten Regionen am meisten betreffen. "Ohne Umkehr unserer Fehlentwicklungen bleibt unsere Anwaltschaft für die Umwelt unglaubwürdig", sagte sie. Eine wichtige Perspektive eröffne das Konzept der "Global Governance". Dabei sei nicht ein "Weltstaat" gemeint, sondern ein dynamischer Prozess der Konsens- und Entscheidungsfindung und die Kooperationskultur eines grenzüberschreitenden Netzwerkes aus staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren.
Der hegemoniale Führungsanspruch der USA stoße mittelfristig an Grenzen. Wohlstand und umfassende menschliche Sicherheit könne nicht gegen- sondern nur miteinander erreicht werden. Die große Herausforderung für "Global Governance" bestehe darin, nicht als neue Form des Paternalismus verstanden zu werden. Die Entwicklungspolitik sei weder Almosen noch Luxus, sondern eine Zukunftsinvestition im Sinne einer internationalen Strukturpolitik. Entwicklung könne nur Sich-Entwickeln und nicht Entwickelt-Werden bedeuten. Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Mensch Selbstbewusstsein, Eigeninitiative und Verantwortung entfalten könne, sei "auch bei uns" eine zentrale Aufgabe. Gruber: "Es liegt an jedem Einzelnen, das Sein in intakter Umwelt zu genießen und Herausforderungen in einem respektvollen Miteinander zu lösen."