Institut für UMWELT-FRIEDE-ENTWICKLUNG

Veranstaltungsbericht

Respekt entwickeln



Die Bedeutung von interkulturellem Verständnis und gegenseitigem Respekt diskutierten am 30. November bei einer Veranstaltung des Instituts für Umwelt-Friede-Entwicklung (IUFE) an und mit der Politischen Akademie der ÖVP und respect Prof. Dr. Reinhold Stipsits (Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien), Prof. Dr. Andreas J. Obrecht (Interdisziplinäres Forschungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit, Linz) und DI Dr. Christian Baumgartner (respect, Wien; Forum Nachhaltiges Österreich) unter der Leitung von Dr. Petra C. Gruber (Geschäftsführerin IUFE).


Obrecht, Gruber, Stipsits, Baumgartner (v.l.n.r)

IUFE-Geschäftsführerin Petra Gruber betonte, dass in einer globalisierten Welt ein respektvolles miteinander Umgehen für ein friedliches Zusammenleben der vielfältigen Kulturen notwendig sei. Respekt sei nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Chance für die gemeinsame Lösung der anstehenden Weltprobleme. Gruber verwies darauf, dass die Bedeutung von Respekt weiter reiche als die Duldung anderer Meinungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, für die der Begriff Toleranz stehe. "Respekt meint wertschätzen. Die Wertschätzung des Anderen hängt mit der eigenen Wertschätzung zusammen", sagte Gruber.

Stipsits: Respekt braucht einfühlendes Verstehen

Der Erziehungswissenschafter Reinhold Stipsits hob hervor, dass der Abbau von Feindbildern mit dem Respekt vor dem Anderen und der Achtung des Anderen zu tun habe. So könne man auch zu einem besseren interkulturellen Verständnis gelangen. Er frage sich aber, ob man mit dieser Vorstellung von Respekt "heute so ungefragt jemand begeistern kann?" Die Beziehungswissenschaft zeige, wie wichtig Selbstachtung sei. "Die bekommt man nicht, wenn man von anderen verzärtelt wird, sondern in dem man aufgrund bestimmter Unterschiede respektiert wird", sagte der Wissenschafter mit Verweis auf die Unterschiede zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen und der europäischen und anderen Zivilisationen. Gerade weil die Unterschiede zu den marginalisierten Ländern so "entsetzlich" seien, müsse man den Menschen in diesen Ländern Respekt entgegenbringen. Anhand eigener Erfahrungen aus einer Lehrtätigkeit in Siebenbürgen wisse er, dass die Menschen dort Respekt vor den Unterschieden wünschten, ohne diese vom Tisch kehren zu wollen. Die Forschung zeige, dass für Respekt Empathie, also einfühlendes Verstehen notwendig sei. Respekt erfordere Wertschätzung und Aufrichtigkeit gegenüber anderen Personen. Das einfühlende Verstehen betone den Unterschied, respektiere ihn aber, bilanzierte Stipsits. Dies sei erlernbar, insbesondere über Beispielen bzw. Vorbilder Die diesbezüglichen Erkenntnisse der Psychotherapie ließen sich auch auf größere Gruppen übertragen.
Er betonte den großen Stellenwert der Sprache für die Entwicklung der eigenen Identität. Das ziehe stets Übersetzungsprobleme nach sich. "Wir können uns nur in Übersetzungen ausdrücken", sagte er. Es sei jedenfalls konstitutiv für das europäische Denken, dass es jedem möglich sein müsse, den anderen zu verstehen. Ziel sei ein Streitschlichtungsverfahren durch Kommunikation. Dies habe durchaus Vorbildwirkung, man gehe mit diesem Vorbild aber sehr schlampig um, kritisierte Stipsits.


Obrecht: Kommunikation moderieren

Der Kulturanthropologe Andreas Obrecht verwies auf die neuen Strategien der Feldforschung. Achtung meint z.B. auch an die Grenzen des eigenen Verstehens zu gelangen. Kollegen berichteten, je länger sie sich in einer anderen Kultur aufhielten, desto weniger würden sie diese verstehen. Sein Forschungsansatz ziele darauf ab, Kommunikationsprozesse zu moderieren. Jede entwicklungspolitische Intervention sei ein Eingriff, der ein umfassendes Verständnis der jeweiligen Kultur erfordere. Diesem nähere man sich in der Feldforschung nun dadurch, dass man mit lokalen Forschergruppen zusammenarbeite und sich auf die Kommunikation zwischen den Forschergruppen konzentriere. Auf diese Weise könne man auch die lokalen Sprachen nützen und "übersetzen", da mit der lokalen Sprache auch kulturelle Inhalte übersetzt würden, die die Verkehrssprache ausschließe. "Wir lernen auf diese Weise wesentlich mehr, als wenn wir Wochen lang in einem Dorf sitzen", erklärte Obrecht. Der Wissenschafter verwies auf die Notwendigkeit, zwischen Armut und Verelendung zu differenzieren. Viele Menschen, die nach unseren Vorstellungen arm seien, seien dies nach lokalen Maßstäben nicht. "Wir müssen lernen, zu differenzieren. Man darf Armut nicht romantisieren, sondern muss den Respekt in der Begegnung übertragen", so Obrecht. Im Fall der Verelendung müsse man intervenieren, aber, so der Forscher: "Armut ist kein Manko, sondern eine Lebensform." Eine nachholende Ökonomisierung etwa des subsaharischen Afrika wie im Europa des 19. Jahrhundert sei schlicht unmöglich, heute gehe es dort vielmehr um die Selbsterhaltungsfähigkeit lokaler Gemeinschaften. Die Weltrhetorik verlaufe heute durchaus in Richtung Armutsbekämpfung. Die Milleniums-Ziele, allen voran die Halbierung der Armut bis 2015, wären bei Verdoppelung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und der Anhebung des Anteils der direkten Armutsbekämpfung auf 60% dieser Mittel durchaus erreichbar. "Von der Umsetzung sind wir leider noch sehr weit entfernt", kritisierte der Experte.
Er verwies darauf, dass Respekt und Achtung in vielen traditionellen Gesellschaften "eingeschrieben" seien und daher nicht gelernt werden müsse. In ethnischen Welten gehe es nicht darum, einander zu verstehen. Man wolle nicht gleich sein.


Baumgartner: Bildet reisen?

Christian Baumgartner, Experte für nachhaltigen Tourismus, stellte fest, dass mit den zunehmenden Fernreisen das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen zunehme. Er bezweifle aber, ob die Auseinandersetzung mit diesen Kulturen gegeben sei. Baumgartner erinnerte daran, dass die Wurzeln des Tourismus in der Wallfahrtsbewegung des Mittelalters lagen: "Die Kirche hat ein Destination Management entwickelt und Orte wie Santiago di Compostela gepusht. Es wurden auch Reliquien gefälscht." Schon damals wurden die Wallfahrer vor den Fremden gewarnt, es wurde Distanz geschaffen.
Dass Reisen verbinde, werde auch dadurch in Frage gestellt, dass die meisten Touristen in Gruppen und auf Basis von All-Inclusive-Angeboten reisten. "75% der Besucher der Türkei verlassen ihre Anlage kein einziges Mal", berichtete er. Man müsse zwischen der Kultur des Gastlandes und der Dienstleistungskultur, die der Tourist erlebe, unterscheiden. "Wir fahren wo hin, ohne eingeladen zu sein. Wir wollen Kontakt haben, hinterfragen aber nicht, ob die Einheimischen Kontakt haben wollen", kritisierte der Nachhaltigkeits-Experte. Die Auseinandersetzung der Reisenden mit dem Zielgebiet erfolge häufig nur über die Kamera und die Bestätigung der eigenen Vorurteile.
Die Tourismuswirtschaft sei auch gar nicht darauf eingerichtet, gegenseitigen Dialog zu ermöglichen. Wer Leute kennen lernen wolle, der störe den standardisierten Ablauf eines Reiseangebots. Damit Reisen wirklich bilde, brauche es entsprechende Voraussetzungen: Reiseveranstalter, welche die Auseinandersetzung mit der Kultur förderten, Reisende, die dazu bereit seien und vor allem viel Zeit, die uns allen aber fehle. Der Tourismus könne zwar nachhaltige Strukturen vor Ort fördern, jedoch zeige sich schon am Massentourismus, dass nur 10-20% der Ausgaben der Touristen für Reisen im Zielland blieben.
Baumgartner hob die Rolle von alternativen Angeboten und insbesondere von geschulten Reiseleitern hervor. Dies würden auch immer mehr Reiseveranstalter erkennen. Seine Branche habe gelernt, dass der moralische Zeigefinger nichts nütze. Man müsse auch Respekt vor den Reisenden und ihren Wünschen nach schönen Erlebnissen und Erholung haben. Deshalb sei es wichtig, ihre Neugier zu wecken und ihnen zu zeigen, was sie alles versäumten, wenn sie sich nicht mit der lokalen Kultur beschäftigten. Der Diskurs über nachhaltiges Reisen und Respekt sei zwar einseitig, aber notwendig. Schließlich sei es gar nicht möglich, die Masse der in der Türkei aufhältigen Club-Urlauber in türkischen Dörfern unterzubringen – das würde diese überfordern, bilanzierte der Experte für nachhaltigen Tourismus.


Eine Veranstaltungskooperation