Institut für UMWELT-FRIEDE-ENTWICKLUNG

Veranstaltungsbericht, 22.10.2002


Von der Weltzivilisation zur Weltordnung

Bei der Schlussveranstaltung des Economy Now Forums "Zukunftsfähig ...Wirtschaften für den Menschen" diskutierten Experten auf Einladung des Instituts Umwelt-Friede-Entwicklung, der Julius Raab-Stiftung und der Tageszeitung "Die Presse" die politische Gestaltungsaufgabe, die "(Welt)Wirtschaft als Motor einer zukunftsfähigen (Welt)Gesellschaft" zu entwickeln.

Das Thema der Nachhaltigkeit sei von großer Aktualität und Bedeutung, aber keineswegs neu, sagte Hermann Schaller, Vorstandsvorsitzender des Instituts für Umwelt-Friede-Entwicklung in seiner Einleitung der Diskussionsveranstaltung. Die Interdependenz zwischen Natur und Mensch und die Notwendigkeit des Denkens in Generationen sei schon vor 50 Jahren während seiner Studentenzeit reflektiert worden, erinnerte sich der ehemalige steirische Umweltlandesrat. Er verwies darauf, dass Josef Riegler das Konzept der ökosozialen Marktwirtschaft in ein überzeugendes politisches Programm gegossen hätte. Dessen Umsetzung sei später nicht leidenschaftlich genug weiterverfolgt worden, kritisierte Schaller. Die Hoffnungen, die in den 70er und 80er Jahren mit einer neuen Weltwirtschaftsordnung verbunden worden seien, hätten sich nicht erfüllt. "Dass die Wirtschaft als treibende Kraft die Länder des Südens mitzieht, ist leider auch nicht Wirklichkeit geworden. Die Kluft - auch innerhalb der Länder - wird eher größer als kleiner", bilanzierte Schaller. Dort, wo die wirtschaftliche Macht unkontrolliert und ungehindert agieren könne, entstehe ein zerstörerisches Potential. Die Globalisierung an sich sei nicht in Frage zu stellen, doch brauche sie entsprechende Rahmenbedingungen, erklärte der Umweltpolitiker mit Verweis auf das Ordnungsmodell der sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard. Es werde heute viel über Nachhaltigkeit gesprochen, die Taten seien allerdings zu hinterfragen. Das Hoffen auf eine Weltwirtschaftsordnung, die den Rahmen für eine soziale und humanitäre Entwicklung schaffe, solle keine Utopie bleiben. "Es wird sich nur dann etwas ändern, wenn wir dazu bereit sind, etwas beizutragen, wenn die notwendige Veränderung im Bewusstsein der Menschen verankert ist", sagte Schaller.

 


Riegler: Politischer Mut ist gefragt

Seiner Einschätzung nach stünde nur die kurze Zeitspanne von etwa zehn Jahren für die Verwirklichung eines globalen Ordnungssystems zur Verfügung - andernfalls drohten ungeheure Katastrophen, erklärte Vizekanzler a.D. Josef Riegler. Er bezog sich dabei nicht nur auf ökologischen Katastrophen, sondern auch auf die "soziale Auseinanderentwicklung, die zu Gewalt, Terror und Krieg führen muss." Riegler illustrierte die "Zeitbombe der globalen Ungerechtigkeit" durch einen Zahlenvergleich: Während den Staaten durch Steueroasen jährlich 50 Milliarden US-Dollar entgingen, betrage die weltweite Entwicklungshilfe 56 Milliarden Dollar. Die Zinszahlungen der Entwicklungsländer für ihre Schulden lägen bei 135 Milliarden Dollar. 
Ziele müssten nun sein, die WTO zu einem Instrument für fairen Wettbewerb auszubauen, eine neue Ordnung für internationale und globale Finanzmärkte zu schaffen, weltweit für eine faire Besteuerung zu sorgen und internationale Abkommen über Wirtschaft, Handel und Finanzen gleichrangig mit jenen über Soziales und Umwelt zu behandeln. Globalisierte Märkte, so Riegler unter Verweis auf den ehemaligen Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer, bräuchten soziale Mindestregeln, den Schutz des Faktors Arbeit und einen funktionsfähigen Wettbewerb. Es komme auf die Rahmenbedingungen an, die man Märkten gebe. Nur dann könnten sie effizient das Richtige produzieren. Es gehe darum, den Faktor Natur in das Wirtschaftsgefüge zu implementieren. Dies erfordere die Internalisierung externer Umweltkosten. Zudem seien eine Änderung des Steuersystems, eine klare Produktdeklaration und Förderungen für Umweltinvestitionen erforderlich. All dies erfordere aber politischen Mut - und der sei auf nationaler und supranationaler Ebene nicht zu erkennen, kritisierte Riegler. Die europäische und die österreichische Nachhaltigkeitsstrategie lieferten jedenfalls erste Ansatzpunkte für eine nachhaltige Entwicklung. Zur Rolle Europas sagte der Präsident des Ökosozialen Forums Österreich, dessen innere Widersprüchlichkeit sei ein Problem. Die finanzielle Situation der EU müsste zudem verbessert werden, dafür seien auch direkte EU-Steuern denkbar. "Die EU-Erweiterung wird etwas kosten, wenn man sie fair macht", sagte Riegler. Auf globaler Ebene müssten Weltbank und Währungsfonds in Richtung Nachhaltigkeit entwickelt werden. Er wolle zwar kein zweites Bretton Woods-System, die Tobin Tax sei aber "vernünftig und machbar". Österreich habe in Sachen ökosozialer Steuerreform Nachholbedarf, kritisierte der ehemalige ÖVP-Obmann, für den die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltiger Systeme nun gezielt gefördert werden muss. 


Autischer: Politik ist der falsche Adressat

Die nachhaltige Entwicklung sei noch eine Utopie, sagte IV-Konsulent Wilhelm Autischer. Trotzdem seien die gemachten Fortschritte anzuerkennen. So sei die Thematik der erneuerbaren Energie in der EU gut verankert, die EU sei diesbezüglich am Gipfel von Johannesburg erfolgreich gewesen. "Die Amerikaner sind in dieser Frage im politischen Eck. Ich würde mich nicht auf sie konzentrieren, sie werden schon darauf kommen, welche Fehler sie machen", sagte Autischer. Europa müsse seinen Weg zur Erreichung der Kyoto-Ziele konsequent fortsetzen. Er berichtete über die IV-Initiative zum Thema "Corporate Social Responsibility" und Nachhaltigkeit, die eine "Leitlinie" für Unternehmer darstelle, um sich auf die neuen Herausforderungen einstellen zu können. Er habe der Industrie empfohlen, sich des Themas proaktiv anzunehmen und gemeinsam Ziele zu definieren. Es gehe um eine neue Kultur der Mitverantwortung und das Schaffen von Vertrauen - dies gelte insbesondere für das Verhältnis zwischen Unternehmen und NGOs. Aus seiner Sicht sei die Politik in Sachen Nachhaltigkeit der falsche Adressat. Sie sei kurzfristig orientiert, das Konzept der Nachhaltigkeit verlange aber eine langfristige Perspektive. Eine wesentliche Rolle spielten die Kunden: die Unternehmen reagierten darauf, was die Kunden wollten, erklärte Autischer.


Schwager-Quijano: Saubere Produktion unter Beteiligung der Mitarbeiter

Das weltweite "cleaner production"-Programm der UNIDO, das in Folge des Gipfels von Rio gestartet worden ist, stand im Mittelpunkt des Referates von UNIDO-Expertin Petra Schwager-Quijano. Das zu 60% von der Schweiz und Österreich finanzierte Programm ziele darauf ab, Umwelt, Politik und Wirtschaft zusammen zu bringen. Das Potential für "cleaner production" sei sehr hoch: 30% der Kosten von Umweltschäden ließen sich ohne größere Investitionen einsparen, berichtete sie. Entsprechende Projekte würden für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren finanziert. Besonders wichtig sei der Aufbau von nationalem Know-how und deshalb auch die entsprechende Ausbildung von Experten, Politikern und Finanzfachleuten. Der partizipative Ansatz der Projekte fördere die kontinuierliche Verbesserung. "Die Menschen im Unternehmen können am besten sagen, wie man einspart", sagte Schwager-Quijano. In den vergangenen sechs Jahren seien rund 1350 "cleaner production"-Programme auf Betriebsebene durchgeführt, 1900 Experten und 10500 weitere Personen ausgebildet worden. Defizite gäbe es in der Umsetzung von präventiven Umweltnormen und in der mangelnden Förderung und Integration von "cleaner production". Auch fehlten die Technologien, die den Bedürfnissen von Dritt- und Schwellenländern angepasst seien. Ferner müssten multilaterale Umweltabkommen umgesetzt werden, forderte die Expertin. 
Neu in ihrer Arbeit sei der Ansatz, den gesamten Produktionsplan zu erfassen und die Entwicklung und den Export von Produkten zu fördern, die unter Berücksichtigung von Umwelt und sozialen Aspekten hergestellt worden seien. Ein "wirkliches Weiterkommen" sei ohne Zusammenarbeit mit der Politik nicht möglich, resümierte Schwager-Quijano.


Kanatschnig: Globale Regionalisierung hat Zukunft

Über das Konzept einer "globalen Regionalisierung" referierte Dietmar Kanatschnig, Direktor des Österreichischen Instituts für Nachhaltige Entwicklung. Er sehe weltweit die gleichen Ansätze zur Stärkung der Regionalwirtschaft, sagte er. 
Bisher sei die Wirtschaft in Betriebs- und Volkswirtschaft unterteilt worden. Eine Betrachtung der Wirtschaft unter dem Blickwinkel der nachhaltigen Entwicklung erfordere jedoch eine differenziertere Unterscheidung in die Ebenen der Weltwirtschaft, der Europäischen Wirtschaft, der Volkswirtschaft, der Regionalwirtschaft, der Betriebswirtschaft und der Haus(halts)wirtschaft. Es gehe nun darum, wie diese Ebenen zusammenwirkten, um Lebensqualität auf lange Sicht sicherstellen zu können.
Als Beispiel für nachhaltige Entwicklung von Regionalwirtschaften nannte Kanatschnig die Notwendigkeit, die Nahversorgung im Lebensmittelbereich in der Raumordnung nicht nur punktuell mit dem Ort des Verkaufes zu erfassen, sondern auch die Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte, die Verarbeiter, die Zulieferer, die Konsumenten und die Verwerter von Reststoffen darzustellen. Ein weiteres Beispiel für regionales Wirtschaften sei das Projekt Bergholz im Großen Walsertal, das in Reaktion auf die Ansiedlung eines internationalen Möbelherstellers Holz der Region als Qualitätsprodukt vermarkte. Dazu hätten sich Forstwirte, Tischlereibetriebe und sämtliche vor- und nachgelagerte Bereiche zu einer engen Zusammenarbeit gefunden. Es sei mittlerweile unmöglich, Holz in diese Region zu importieren oder Möbel nicht beim heimischen Tischler fertigen zu lassen, bilanzierte Katatschnig den Erfolg dieses Projektes.
Die Integration und die damit verbundene Berücksichtigung regionaler Besonderheiten sowie die Vernetzung von Produzenten und Konsumenten mache die Stärke der Regionalwirtschaft aus. Kanatschnig verwies auf die Unterschiede zwischen regional und global agierenden Unternehmen: Die regionale Wirtschaft sei integriert, standortgebunden, qualitativ, identitätsstiftend, kooperationsorientiert, bedarfsdeckend, vielfältig und bringe Maßfertigung. Die globale Wirtschaft sei hingegen isoliert, standortungebunden, quantitativ, identitätsnivellierend, wachstumsorientiert, monostrukturiert und auf Serienproduktion angelegt. Entscheidend für die regionale Wirtschaft sei die Bewusstseinsbildung vor Ort, sagte der Wissenschafter. Es gehe nicht darum, regionale und globale Wirtschaft gegeneinander auszuspielen, sondern ihr Zusammenwirken auf den unterschiedlichen Ebenen zu optimieren. So müsse man fragen, auf welcher Ebene welche Aufgaben am besten zu erfüllen seien. Würden etwa die Fragen der Energie auf der weltwirtschaftlichen Ebene zu lösen versucht, so führe dies zur Dominanz fossiler und atomarer Energieversorgung. Im Unterschied dazu wäre die Lösung der Energieversorgung auf regionaler Ebene primär auf die Nutzung erneuerbarer Energieträger ausgerichtet. Für die Bereiche Landwirtschaft und Nahversorgung mit Lebensmitteln sei die europäische Ebene "zu hoch angesetzt". Dafür sei auch die Diskussion um eine stärkere nationale Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik ein starkes Indiz, so Kanatschnig. Beim Thema Wasser sei die EU-Ebene "zu hoch", die regionale Ebene wahrscheinlich aber "zu niedrig". Bei der Technologiepolitik sei wiederum die nationale Ebene zu wenig - dies solle auf europäischer Ebene betrieben werden.
Um den Ansätzen der globalen Regionalisierung zum Durchbruch zu verhelfen, brauche es allerdings zuvor einer Globalisierung zentraler Werte wie Humanität, Subsidiarität und Solidarität. "Diese Werte müssen weltweit geteilt werden. Eine nachhaltige Wirtschaft trennt nicht Reich von Arm, den Mensch von der Natur und Gegenwart von Zukunft, sondern sie verbindet", sagte Kanatschnig.


Sieghartsleitner: Gemeinsam erfolgreich sein

Als "frühes Opfer der Globalisierung" bezeichnete Karl Sieghartsleitner seine Gemeinde Steinbach a.d. Steyr. Die lokale Produktion von Essbesteck sei vor Jahrzehnten Billigimporten aus Fernost zum Opfer gefallen. Dies habe dem Ort die Struktur genommen, eine 20jährige Niedergangsphase war die Folge, berichtete der Bürgermeister a.D., der als Pionier der nachhaltigen Entwicklung auf lokaler Ebene gilt. Von außen war keine Hilfe zu erwarten und so begann sich die Hoffnung auf die eigenen Stärken und Potentiale zu richten. Hinter der Steinbacher Erfolgsstory stünde das gemeinsame Vereinbaren von Visionen und Zielen und der offene und produktive Umfang miteinander. "Wir haben gewusst: Entweder wir sterben gemeinsam, oder wir haben gemeinsam Erfolg. Die Philosophie, dass es mir besser geht, wenn es dem anderen schlechter geht, ist falsch", so Sieghartsleitner. Es gehe darum, die notwendigen Prozesse zu initiieren, um von einem globalen Agrarmarkt zu einer lokalen bäuerlichen Entwicklung zu kommen. Die Agrarpolitik werde zu einer der wichtigsten Aufgaben im ländlichen Raum, weil die Landschaft das größte Kapital sei, sagte der langjährige Steinbacher Bürgermeister. Neben der Wiederbelebung des Ortszentrums, dem Ausbau des Nahwärmenetzes und dem Aufbau regionaler Spezialitäten in Form von Dörrobst und Natursäften hob er vor allem die Entwicklung des lokalen Gewerbes und den Lebensmittelmarkt hervor, für dessen Betreiberin es Treueerklärungen gegeben habe.
Sieghartsleitner forderte gegenseitigen Respekt, die Liebe zu Menschen und zur Natur, eine werteorientierte Erziehung und eine angemessene Ausbildung der Lokalpolitiker ein. Man müsse ihnen die richtigen "Werkzeuge" liefern.

 

Diskussion: Partizipation bringt bessere Lösungen

In der nachfolgenden Diskussion erklärte Nachhaltigkeits-Experte Kanatschnig, nach den Ergebnissen einer Studie seien die erfolgreichsten Gemeinden jene, die über die meisten Kulturvereine verfügten. Es komme nämlich auf die Kommunikationskultur an. Dies gelte auch für die Kommunikation zwischen Industrie und Bürger. 
IV-Konsulent Autischer berichtete, dass Ökofonds rasant anwachsen würden. Auch "Hardcore"-Analysten würden zunehmend nach ethischen Investments fragen. Vizekanzler a.d. Riegler ergänzte, ethisch orientierte Fonds seien von der Börsentalfahrt ab 2000 verschont geblieben. Die Politik trage die Verantwortung für die Gestaltung von Zukunft. Sie sei im globalen Rahmen allerdings nicht mehr Gestalterin, sondern Getriebene. Er warnte davor, in die marxistische Kommandowirtschaft zurückfallen zu wollen. "Das würde noch mehr Leid produzieren als der momentane Verdrängungswettbewerb", so Riegler. Das 20. Jahrhundert habe uns die Weltzivilisation gebracht, im 21. Jahrhundert müsse man zu einer Weltordnung für ein faires Miteinander kommen. 
Der Steinbacher Bürgermeister Sieghartsleitner verwies darauf, dass die Einbindung von Bürgern in Entscheidungen ihren Zukunftsglauben stärke. Es gehe darum, nicht nur auf Wohlstandsvermehrung, sondern auf Lebensqualität zu setzen, sagte er. Den partizipativen Ansatz betonte auch UNIDO-Expertin Schwager-Quijano: "Dabei kommen die besseren Lösungen heraus."