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Über nachhaltige Entwicklungen und Globalisierungen
Petra C. Gruber
(erschienen in
"Österreichische Monatshefte" 02.2002)
Im Zuge der Vorbereitungen für den World Summit on Sustainable Development, Ende August / Anfang September 2002 in Johannesburg erfährt die Debatte über Nachhaltige Entwicklungen erneute Konjunktur. So findet sich heute beinahe kein Schriftstück, keine Rede mehr, wo Nachhaltigkeit nicht hochgehalten wird. Die dahinterliegenden Definitionen sind jedoch höchst unterschiedlich - die Palette reicht dabei von der inhaltsleeren Floskel bis zur ambitionierten Weltanschauung.
Am Institut für Umwelt - Friede - Entwicklung wird Nachhaltigkeit in ihrem gesamtheitlichen Sinne verstanden. Nachhaltige oder zukunftsfähige Entwicklungswege kennzeichnen eine friedliche Welt(en)Gesellschaft, die ihre sozialen und ökologischen wie materiellen Existenzgrundlagen nicht untergräbt.
Dieser Beitrag skizziert die globalen Herausforderungen einer zunehmend interdependenten Welt, die gegenwärtig alles andere als zukunftsfähig ist, und plädiert folglich für den dringend erforderlichen Kurswechsel.
Armut, Umweltzerstörung, kriegerische Auseinandersetzungen, Migration, Arbeitslosigkeit, soziale Konflikte, Kriminalität und internationaler Terrorismus sowie Infektionskrankheiten sind nicht mehr allein auf nationalstaatlicher Ebene lösbar oder gar durch den einzelnen Menschen bewältigbar. Zur Gestaltung des globalen Wandels bedarf es der Kooperation und Koordination auf allen Ebenen: Zwischen Politik, internationalen Organisationen, den transnationalen, also grenzüberschreitend agierenden Konzernen und globalen Finanzmärkten, wissenschaftlichen Einrichtungen, den Medien sowie Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und der Zivilgesellschaft.
Globalisierungsdebatte greift zu kurz
Was bedeutet das Schlagwort "Globalisierung", seit gut zehn Jahren in aller Munde, eigentlich - ist Globalisierung das Allheilmittel für alle Probleme oder Ursache für eben diese, ein neues Phänomen, Prozess oder Endzustand? Globalisierung ist jedenfalls über die Internationalisierung des Wirtschaftens hinaus ein vieldimensionaler Prozess, deshalb kann man auch von "Globalisierungen" im Plural sprechen. Globalisierung meint das erfahrbare Loswerden von Grenzen alltäglichen Lebens und Handelns in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Technologie und Ökologie.
Die neuen Transport- und Kommunikationssysteme verbinden heute unterschiedlichste Kulturen über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Entgegen mancher Befürchtungen entsteht im Zuge der Globalisierungsprozesse aber nicht eine weltweit homogenisierte Lebensform, eine globalen "Monokultur". Diese, durch populistische Schlagworte wie "McDonaldisierung" oder "CocaColanisation" skizzierte Debatte, in der Globalisierung schlicht als westlicher Kulturimperialismus aufgefasst wird, greift zu kurz. Vielmehr geht der jahrhundertelange kulturelle Austausch in eine interkontinentale Misch-Kultur, eine "globale Melange" über und die westlichen Kulturen sind ein Teil davon. Es bildet sich also keine Megagesellschaft, die alle anderen Gesellschaften in sich enthält und auflöst, sondern eine durch Vielfalt und Nicht-Integriertheit gekennzeichnete Welt(en)Gesellschaft heraus.
Mit der Globalisierung geht auch eine Rückbesinnung auf lokale Besonderheiten und regional-kulturelle Stärken einher - Relokalisierung ist die zweite, ergänzende Seite des Globalisierungsprozesses. Diese gleichzeitige und wechselseitige Durchdringung des Globalen und Lokalen spiegelt sich in der Wortsynthese "Glokalisierung" wieder.
Dies soll aber nicht über die Asymmetrien und Gefahren neuer Fundamentalismen und Abschottungstendenzen hinwegtäuschen. Die Ausdehnung der Reichweite des Denkens, Sprechens und Tuns auf dem Globus führt nicht automatisch zu einem Zuwachs an Weltoffenheit unterschiedlicher Kulturen, sondern häufig zum genauen Gegenteil, zu Abschottung und Xenophobie.
Nicht eine globale Gemeinschaft entsteht, vielmehr ist eine "globale Apartheid" auszumachen. Infolge der höchst unterschiedlichen und ungleichzeitigen Entwicklungen kommt es zu folgenschweren Polarisierungen, einer zunehmenden Marginalisierung der Länder der südlichen Hemisphäre. So partizipieren an der globalen Welt nur jene Menschen, die auch Zugang zu Kommunikation und Transport haben - das bedeutet Exklusion für jene, die keine bzw. eine zu geringe Kaufkraft haben. Die ärmsten Länder der Welt werden zusehends an den Rand gedrängt - ökonomisch, sozial und politisch. Von einer erfolgreichen Weltmarktintegration kann also nicht die Rede sein.
Mit Globalisierung korrespondieren demnach auch Marginalisierung und Fragmentierung. Neben der herrschenden Triadenkonkurrenz zwischen Nordamerika, Westeuropa und Japan / Südostasien (die drei Viertel des "Welt"handels abwickeln, der Anteil Afrikas beträgt hingegen knapp zwei Prozent) bilden sich auch regionale Wirtschaftsblöcke bspw. in Lateinamerika und S-Afrika heraus.
Unterlegenheit des Nationalstaates
Die Bedeutung der Nationalstaaten relativiert sich, neue Machtverhältnisse entstehen. Die an ihre Bevölkerung und ihr Territorium gebundenen Nationalstaaten sind den transnationalen Akteuren wie den Konzernen, Finanzmärkten und internationalen Regimen unterlegen, die Macht ohne Verantwortlichkeit ausüben können.
Im internationalen (Standort-)Konkurrenzkampf der Staaten ist eine Abwärtsspirale im Sozial-, und Lohnbereich, als auch beim Umweltschutz sowie bei Unternehmenssteuern zugunsten der transnationalen Konzerne auszumachen. Unter den Dogmen neoliberaler Deregulierung und Privatisierung hat sich die Wirtschaft zunehmend aus der Gesellschaft herausgelöst, "entbettet". Nahezu alle Lebensbereiche werden durchökonomisiert, kurzsichtiges Eigeninteresse und vermeintliche individuelle Freiheit verdrängen grundlegende Werte und Errungenschaften gesellschaftlichen Denkens.
Es gehört zum Wesen dieser (Welt-)Ökonomie, dass in ihr Menschen, Unternehmen und Staaten unter qualitativ unterschiedlichen Ausgangsbedingungen miteinander konkurrieren. Diese Ungleichheit bringt unvermeidlich Gewinner/innen und Verlierer/innen hervor. Die Kluft zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander, nicht nur zwischen den modernen Industrienationen und den armen Ländern der südlichen Hemisphäre, sondern auch innerhalb der Nationen - was soziale Spannungen provoziert, die politische Legitimation untergräbt und den Frieden gefährdet.
Die Vereinten Nationen bezeichnen diese Kombination aus extremer Armut und Ungerechtigkeit als einen "affront to our common humantiy". Folgende Daten veranschaulichen die Dimensionen:
- Mehr als eine halbe Milliarde Menschen hat eine Lebenserwartung von weniger als 40 Jahren,
- über 1,2 Milliarden Menschen steht kein hygienisches Wasser zur Verfügung,
- weltweit über 800 Millionen Erwachsene sind Analphabeten,
- mehr als 1,2 Milliarden Menschen müssen heute mit weniger als 1 Euro pro Tag ihr Auslangen finden,
- während einige wenige Personen historisch einmaligen materiellen Luxus genießen.
Ökologische Tragfähigkeit ist begrenzt
Auch herrscht ein krasses Missverhältnis zwischen der Verfügbarkeit und steigenden (Über-)Nutzung der Ressourcen und der Bevölkerung (als auch hinsichtlich des ungleich verteilten Zugangs). Die Verknappung energetischer und mineralischer Ressourcen, Verschmutzung der Meere, Waldsterben, Klimaveränderung, Ozonloch und zunehmende Umweltkatastrophen führen uns drastisch vor Augen, dass die ökologische Tragfähigkeit der Erde begrenzt ist. Ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seinen natürlichen (Über-)Lebensgrundlagen ist dringend erforderlich. So stammt der Begriff der Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft und meint nicht mehr Holz zu schlagen als nachwächst - oder ökonomisch ausgedrückt: Von den Zinsen der Natur, nicht von ihrem Kapital zu leben.
Die zumeist aus dem nicht nachhaltigen Lebensstil der reichen Industrienationen resultierenden Umweltzerstörungen machen nicht an nationalen Grenzen halt. Wirbelstürme, Überschwemmungen, Dürreperioden treffen die ärmsten Länder der Welt am Gravierendsten, sie haben 97 % (!) der Opfer von Naturkatastrophen zu beklagen. Die degradierten Umweltbedingungen beeinträchtigen die ohnehin schlechten Lebensbedingungen und Entwicklungschancen der Menschen weiter. Bodenerosion, voranschreitende Wüstenbildung und Verknappung sauberen Trinkwassers verschärfen den täglichen Lebens- bzw. Überlebenskampf. Umweltzerstörung ist in diesen Ländern also zugleich Ursache und Folge von Armut.
Die größten Bedrohungen der menschlichen Sicherheit fußen in ökologischen, sozioökonomischen und politischen Missständen. Armut, knappe Ressourcen und deren ungerechte Verteilung führen häufig zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die zumeist innerhalb der Grenzen stattfinden. Konfliktursachen sind weniger die sogenannten ethnischen Gründe, als vielmehr die Kontrolle über wertvolle Ressourcen wie Wasser, Holz, Diamanten oder Drogen.
Abgesehen von der humanitären Katastrophe zerstören bewaffnete Konflikte die sozioökonomischen und natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen, ziehen Unsicherheit und Instabilität nach sich, werfen die betroffenen Gebiete in ihrer Entwicklung um Jahr(zehnt)e zurück und treiben Millionen Menschen in die Flucht. So treffen die Auswirkungen in der Regel nicht nur die Nachbarländer, sondern haben globale Bumerangeffekte.
Demnach besteht ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen nachhaltiger Entwicklung und gesichertem Frieden.
Obsession des "mehr Habens"
In ihrem ursprünglichen Sinne meint Entwicklung die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten - im Einklang mit der Natur. Doch mit der Rede zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman (1945) galten über Nacht vier Fünftel der Weltbevölkerung als "unterentwickelt". Erstmals in der Geschichte wurden ganze Länder als arm angesehen bzw. begannen sich selbst als arm zu begreifen, weil sie nicht alles kaufen konnten, was sie zum "Menschsein" brauchten. Das Sein und Handeln der Menschen wurde von der Obsession "mehr zu haben" überrollt. Traditionelle Glaubensvorstellungen und magische Bilder, die Achtung vor der Natur und den Ahnen der Menschen wurden mit einem Schlag als überholt erklärt.
So war und ist das Ziel von Entwicklung in vielen Köpfen noch immer die zum Idealbild verklärte (moderne) Industriegesellschaft als höchste Stufe in der Gesellschaftsentwicklung: Nicht-westliche Gesellschaften soll(t)en durch Übertragung soziokultureller, politischer und wirtschaftlicher Lebensformen des Westens entwickelt, "zivilisiert" werden. Doch die als Fortschritt bezeichneten "Errungenschaften" des "American Way of Life" scheinen für die große Mehrheit der Weltbevölkerung unerreichbar. Zudem ignoriert diese reduktionistische Sichtweise einer globalen Entwicklung die Vielfalt aller möglichen kulturspezifischen Lebensweisen und Ausdrucksformen. Auch hat sich die weltweite Ausdehnung unseres rücksichtslosen Produktions- und Konsumtionsmodells nicht zuletzt angesichts der ökologischen Grenzen als "Schreckensszenario" entpuppt. Schon ist mancherorts ein "Wohlstandschauvinismus" auszumachen, der von anderen ein Umdenken verlangt, aber nicht am eigenen Lebensstil rührt, sich diesen vielmehr zu reservieren versucht. Nicht das Ziel eines als falsch anerkannten Weges wird geändert, sondern ein Teil der Menschheit als "hoffnungsloser Fall" auf diesem Weg zurückgelassen.
Armut ist nicht nur ein sozioökonomisches Problem der betroffenen Länder selbst, sondern ein humanitäres und politisches Problem, dass uns alle angeht. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich gemäß der UN-Milleniumserklärung zum Ziel gesetzt, die extreme Armut in der Welt bis 2015 zu halbieren. Nun hat Armut in jeder Kultur eine andere Wertigkeit und bedeutet nicht einfach das Gegenstück zu materiellem Reichtum. Die Definition von Armut als Mangelzustand, gemessen an existentiellen Grundbedürfnissen (Nahrung, Wasser, Kleidung, Wohnen inkl. adäquater Sanitäreinrichtungen) greift zu kurz. Armut bedeutet auch kulturelle und soziale Ausgrenzung. Armut heißt fehlende politische Partizipation und Beteiligung der Menschen an den Entscheidungen, die sie betreffen.
Das mit einem Leben in Armut einhergehende wiederholte Erleben von Demütigung, Ausbeutung und Ohnmacht bewirkt oftmals mangelnde Selbstachtung und geringes Selbstvertrauen. Reines "Anrecht auf Hilfeleistung" entmündigt die Menschen, treibt sie in (weitere) Abhängigkeit und erstickt ihre eigene Antriebskraft. Es geht folglich darum, Freiräume und Anreize zu schaffen, damit der Mensch Selbstbewusstsein, Eigeninitiative und Verantwortung entfalten kann und in weiterer Folge Bereitschaft zur Hilfe zeigt. So genügt oft ein kleiner Anreiz von außen, um die Selbsthilfeaktivitäten der Menschen (wieder) zu mobilisieren. Jeder Mensch hat seine eigenen schöpferischen und produktiven Fähigkeiten und Methoden, um seine Probleme zu lösen. Die Erfahrung, sich auf die eigene Kraft verlassen zu können, hebt das Selbstwertgefühl und die Risikobereitschaft. Dennoch wird dem Potential armer Menschen zu wenig vertraut, ihre aktive Rolle ist in vielen Theorien und Konzepten kaum vorgesehen, und manch eine/r vermutet dahinter ein mehr oder weniger bewusstes "in Abhängigkeit halten". Zentrale Bedeutung kommt somit einer umfassenden Bildung in ihrem ursprünglichen Sinne zu, also verbunden mit Vorstellungen individueller Entfaltung der eigenen Persönlichkeit oder Emanzipation. Eine durch Demokratie und Humanität charakterisierte Bildungspolitik ist Mitvoraussetzung für soziales und politisches Engagement, für die Übernahme von Verantwortung.
Sich-Entwickeln statt Entwickelt-Werden
Eine selbstbestimmte und dauerhafte Entwicklung kann nicht durch externe Inputs von Geld, Expertise und Personal herbeigeführt, sondern allenfalls gefördert werden. Entwicklung kann nicht Entwickelt-Werden, sondern nur Sich-Entwickeln bedeuten. Die letzten fünf Jahrzehnt Entwicklungspolitik haben gezeigt, dass Entwicklung nicht importier- oder exportierbar ist. So räumen auch die Länder der südlichen Hemisphäre dem Element der Selbstbestimmung besonders hohen Stellenwert ein. Self-Reliance, Eigenständigkeit, meint die Suche nach dem eigenen, der jeweiligen Tradition angepassten Entwicklungsweg. Self-Reliance vertraut auf die eigenen Fähigkeiten und setzt auf die eigenen Ressourcen zur Bedürfnisbefriedigung, binnenwirtschaftliche Potentiale und die Partizipation der Bevölkerung auf allen Ebenen.
Wohlverstandene Hilfe zur Selbsthilfe soll damit keineswegs abgewertet werden, vielmehr kommt ihr beim Übergang zu "Self-Reliant Sustainable Development" große Bedeutung zu. Entwicklungspolitisches Patentrezept gibt es keines. So unterschiedlich und verwoben die Ursachen der Armut und mangelnden Möglichkeiten einer eigenständigen Entfaltung sind, so vielfältig und interdisziplinär / holistisch müssen auch die Lösungsansätze sein, und sowohl den "subjektiven Faktor", die internen Sozial- und Herrschaftsstrukturen (wie Missmanagement, Korruption, geringe Transparenz und Verantwortlichkeit der Regierungen sowie fehlende Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung, insbesondere der Frauen) als auch den Weltmarkt und die internationalen Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Bei den Forderungen nach Selbsthilfe ist jedenfalls genau zu betrachten, ob es als bequemes Alibi dient, Verantwortung, Zusammenarbeit und Solidarität abzuschieben.
Die Formulierung von Kriterien zukunftsfähiger Entwicklungen, von Kernelementen menschenwürdiger Lebensbedingungen soll nicht nur den abwertenden Beigeschmack des Entwicklungsbegriffes aufheben, sondern auch verdeutlichen, dass Entwicklung eine weltumspannende Herausforderung ist:
- Abdeckung der elementaren Grundbedürfnisse,
- Zugang zu Basisgesundheitsdiensten und Bildung,
- Unabhängigkeit, Freiheit, (kulturelle) Selbstbestimmung,
- Eigenverantwortung,
- Selbstvertrauen und -achtung,
- Soziokulturelle und politische Partizipation,
- Demokratie, Gewaltlosigkeit und menschliche Sicherheit,
- Nachhaltige Wirtschaft,
- intaktes Ökosystem.
Werte ohne Grenzen
Eine gesunde Umwelt, Freiheit und Gerechtigkeit, Partizipation, Eigenverantwortung und Selbstachtung sind "Werte ohne Grenzen". Dazu zählen aber auch Solidarität und Gastlichkeit. Wir neigen dazu, unser eigenes Wertesystem zu verabsolutieren. Doch die Wertordnung des anderen ist der eigenen gleichwertig. Jeder Mensch ist einzigartig und besitzt unterschiedliche Fertigkeiten und Fähigkeiten. Auch macht die Vielgestaltigkeit der jeweiligen Lebensweisen den Reichtum der Welt aus. Dialog, tieferes interkulturelles Verständnis, Empathie und gegenseitiger Respekt bilden den Nährboden für einen friedlichen (internationalen) Interessenausgleich und ein sicheres Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen.
Es kann also nicht um Gleichheit, Gleichmacherei gehen, sehr wohl aber um Chancengerechtigkeit. Die Frage nach mehr Verteilungsgerechtigkeit wird erneut zu stellen sein. Dabei muss aber auch klargestellt werden, dass nur verteilt werden kann, was auch erwirtschaftet wird. Wir stehen heute vor der großen Herausforderung, Markt und Menschlichkeit zu vereinen und in Einklang mit der Natur zu bringen. Das ganzheitliche Ordnungsmodell der Ökosozialen Marktwirtschaft ist dafür beispielgebend: Im Zentrum steht die Sicherung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und sozialen Lebensqualität, als Grundlage eines friedliches Zusammenleben in und zwischen den Gesellschaften.
Globalisierungen sind kein schicksalhaftes Phänomen, sondern gestaltbar. Es geht folglich darum, die zerstörerische Eigendynamik der Globalisierungsprozesse in zukunftsfähige Bahnen zu kanalisieren. Auch zur Sicherung eines friedlichen Zusammenlebens der vielfältigen Kulturen bedarf es der Reorientierung, Reorganisation und Stärkung politischer Gestaltungskräfte. Die Weltprobleme von heute und morgen sind mit den nationalstaatlichen Politikmodellen von gestern nicht mehr lösbar. Die "globale Risikogesellschaft" erfordert Weltordnungspolitik, Global Governance.
Global Governance: Ein neues Politikkonzept
Global Governance zielt auf die Wahrung des Gemeinwohlinteresses. Sich international formierende Protestbewegungen gegen die negativen Auswirkungen der Globalisierungsprozesse bekunden den Mitgestaltungswillen der Menschen. Die Bereitschaft, die Bevölkerungsmehrheit der Länder der südlichen Hemisphäre verstärkt in globale Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen wird zur Legitimationsfrage. Global Governance trägt nicht nur den im Zuge der Globalisierungen neu entstandenen Politikfeldern Rechnung, sondern auch den eingangs angeführten neuen Akteuren, die neben die traditionellen Akteure der Staatenwelt und internationaler Regime (wie den Bretton Woods Institutionen) getreten sind. Mit Global Governance (without government) soll nicht nur ein neues Rahmenkonzept für die internationale Politik, sondern ein neues Konzept von Politik überhaupt entworfen werden.
Der Aufbau von Weltfinanz- und Handelsordnungen, Weltsozial- und Umweltordnung wird scheitern, wenn er nicht in das Konzept kooperativer Sicherheit in einer multilateralen Friedensordnung, einer Weltfriedensordnung eingebunden ist. Ein reformiertes UN-System bildet das institutionelle Rückgrad, die Stärkung der globalen Rechtsstaatlichkeit den zentralen Baustein. Ein neuer Geist der globalen Nachbarschaft soll die alten Vorstellungen gegnerischer Staaten ersetzen. Sicherheit kann nicht gegen-, sondern nur miteinander erreicht werden. In einem Konzept globaler Sicherheit wird die Sicherheit von Staaten zu einer umfassenden menschlichen Sicherheit erweitert, geprägt von einer Kultur des Friedens auf allen Ebenen.
Die Herausbildung einer internationalen Kooperationskultur wird aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch ein Marginalisierung der Vereinten Nationen und den unilateralistischen Hegemonieanspruch der einzigen Supermacht blockiert. Der Krise des Multilateralismus und von Partikulärinteressen geleiteten Engstirnigkeit gilt es nicht nur überzeugende Ideen, sondern auch politische Allianzen aus gleichgesinnten Staaten ("like-minded-countries") und NGOs entgegenzusetzen.
Gebaut wird auch auf die Einsicht in die Notwendigkeit - Kooperationsbereitschaft für nachhaltige Entwicklungen aus "wohlverstandenem" Eigen-, ja Überlebensinteresse.
Es geht um das Wollen
Zu Beginn des 3. Jahrtausend stellen die drei unauflöslichen Dimensionen Umwelt - Friede - Entwicklung den Maßstab für verantwortungsvolle und vorausschauende, also zukunftsfähige Politik, für globales, nationales und lokales Denken und Handeln, dar. Es geht nicht um das Können, sondern um das Wollen: Um das Auswickeln von Ideen, Energien und Fähigkeiten, und um die Gestaltung der dafür nötigen Rahmenbedingungen.
Zusammenfassend soll noch einmal festgehalten werden, dass das Engagement für christlich-humanistische Werte, soziale Errungenschaften und zukunftsfähige Entwicklungen nicht illusionär, sozialromantisch oder rückschrittlich ist, sondern vielmehr einer Verantwortungsethik in Zeit und Raum - meint das Individuum, die Gemeinschaft, auch künftige Generationen und die Umwelt, glokal (also lokal wie global) - entspricht, als auch einer vorausschauenden (Überlebens-)Notwendigkeit. Eine weltweite, dauerhafte Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen liegt im aufgeklärten Eigeninteresse - ökologisch, wirtschaftspolitisch (z.B. Ressourcen, Märkte) und als Voraussetzung eines friedlichen Zusammenlebens (Migration, Terrorismus, ...).
Entwicklung könnte somit als weltumspannende Herausforderung und Zusammenarbeit für Weltprobleme und Zukunftsfragen verstanden werden.
Literaturhinweise
Altvater, Elmar, Mahnkopf, Birgit: Grenzen der Globalisierung; Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster 1996.
Amon, Werner / Liebmann, Andreas (Hrsg.): Umwelt - Friede - Entwicklung. Dimensionen 2000, Wien 1997.
Beck, Ulrich: Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt am Main, 1998.
Gruber, Petra C.: Armut und Entwicklung im Wandel der Zeit; www.iufe.at.
Gruber, Petra C. / Hazdra, Peter (Hrsg.): Friede im 21. Jahrhundert - eine entwicklungspolitische Herausforderung ? Institut für Umwelt - Friede - Entwicklung / Institut für Internationale Friedenssicherung der Landesverteidigungsakademie, Wien 2001.
Hauchler, Ingomar / Messner, Dirk / Nuscheler, Franz (Hrsg.): Globale Trends 2002. Fakten - Analysen - Prognosen, Frankfurt am Main 2001.
Nuscheler, Franz (Hrsg.): Entwicklung und Frieden im Zeichen der Globalisierung, Bonn 2000.
Sachs, Wolfgang (Hg.): Wie im Westen so auf Erden, Ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik. Reinbek bei Hamburg 1993.
Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF) (Hrsg.): Nachbarn in Einer Welt; Der Bericht der Kommission für Weltordnungspolitik. Bonn 1995.
Dr. Petra C. Gruber ist seit 2001 Geschäftsführerin des Instituts für Umwelt - Friede - Entwicklung.
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