Institut für UMWELT-FRIEDE-ENTWICKLUNG

Veranstaltungsbericht, 11.1.2006


Zwei Jahre nach der Tsunami-Katastrophe: Hilfe am Prüfstand

Unter dem Titel " HILFE. MACHT. KONFLIKTE" zog eine Veranstaltung des Instituts Umwelt-Friede-Entwicklung (IUFE) am 11. Jänner 2007 Zwischenbilanz zwei Jahre nach der Tsunami-Katastrophe in Sri Lanka. Wie wurden die österreichischen Mittel eingesetzt, nach welchen Kriterien und Prioritäten, mit welchen Akteur/innen? Welche Auswirkungen zeitigen die Interventionen bislang, welche Erfahrungen machten die Helfer/innen? Wie geht es weiter mit Sri Lanka? Diese Fragen diskutierten unter Leitung von IUFE-Geschäftsführerin Dr. Petra C. Gruber die Botschafterin von Sri Lanka in Österreich, Aruni Yashodha Wijewardane, BM aD Dr. Ernst Strasser (Koordinator für die Katastrophen-Hilfe Österreichs in Südost-Asien), Mag. Maximilian Santner (Österreichisches Rotes Kreuz, Bereichsleiter Internationale Hilfe; ehem. Projektleiter Kurier Aid Austria), Helmut Voitl (Give Hope, in Kooperation mit Nachbar in Not) und Mag. Gudrun Kramer (Institute for Integrative Conflict Transformation and Peacebuilding).



Glaser: Gut gemeint ist nicht gut geglückt

Der Vorstandsvorsitzende des IUFE, Abg.z.NR Bgm. Franz Glaser, resümierte eingangs seine Wahrnehmung der Tsunami-Katastrophe von vor zwei Jahren. Es habe eine Welle an Hilfsbereitschaft bzw. an erklärter Hilfsbereitschaft gegeben. Wenngleich viele Hilfen noch nicht eingelöst worden seien, sei viel geschehen und viel geholfen worden. Manches war gut gemeint, aber nicht gut geglückt, erklärte Glaser.

Gruber: Kritische Sri Lanka-Bilanz

IUFE-Geschäftsführerin Petra C. Gruber verwies darauf, dass die Tsunami-Katastrophe natürlich Ursachen gehabt habe, das katastrophale Ausmaß jedoch im Kontext sozioökonomischer Missverhältnisse und ökologischer Zerstörungen zu sehen sei. So seien die Ärmsten am stärksten betroffen, und die Abholzung der Mangrovewälder habe dazu geführt, dass Landstriche direkt von der Flutwelle getroffen werden konnten. Gruber verwies auf die mediale Dimension der Tsunami-Katastrophe - im Gegensatz zu den zahlreichen, alltäglichen "vergessenen Katastrophen". Die mediale Inszenierung der "neuen" Katastrophe, der touristische Konnex, die Weihnachtszeit, all das habe ein enormes Spendenaufkommen gebracht. Gruber verwies darauf, dass Hilfe Asymmetrie bedeute. Es gelte zu fragen, inwieweit die Interessen der Spender dafür eine Rolle spielten, was unternommen werde, und ob tatsächlich den Bedürfnissen und Verhältnissen vor Ort entsprochen werde. Es gehe aber nicht nur um Wiederherstellung zerstörter Gegebenheiten, sondern um deren Verbesserung und insbesondere auch darum, die Benachteiligung gesellschaftlicher Gruppen zu durchbrechen. Dies sei in Sri Lanka im Gegensatz zu anderen Ländern nicht geglückt. Die notwendige Reflexion von Fehlern soll freilich nicht entwerten, was durch Hilfe alles erreicht worden sei, so Gruber.

Wijewardane: Nicht alles perfekt

Botschafterin Aruni Yashodha Wijewardane präsentierte die offiziellen Zahlen zur Flutkatastrophe. Über 35.000 Menschen seien getötet, 89.000 Häuser zerstört worden. Die Kosten für den Wiederaufbau lägen nach Schätzungen der Regierung bei 2,2 Mrd. USD. Alle ethnischen Communities seien von den Schäden betroffen. Die meisten Schäden wären in den Küstenregionen zu verzeichnen, wo die Menschen von Fischerei, Tourismus und Landwirtschaft lebten. Der Tsunami habe allerdings nicht die Wirtschaft von Sri Lanka zerstört, stellte die Botschafterin klar. Sie hob die Bedeutung der humanitären Hilfe und die "relativ wichtige Rolle Österreichs" dabei hervor. Es sei gelungen, Seuchen u.ä. zu vermeiden. Wenngleich die Katastrophe enormen Stress und Belastungen für die Administration gebracht hätte, sei man im "handling" der Situation vor Ort und in der Mobilisierung der internationalen Hilfe erfolgreich gewesen. In der Wiederaufbauphase seien die Wohnsituation der Menschen, die Sicherung des Lebensunterhaltes, die Gesundheitsversorgung und die Infrastruktur von entscheidender Bedeutung gewesen. Die Botschafterin präsentierte die administrativen Strukturen und Einrichtungen der Regierung von Sri Lanka, die diesbezüglich geschaffen worden waren. Das Wiederaufbau-Ziel bei den Häusern von 114.000 sei allerdings bisher nur zu 51% erreicht. Österreich habe insbesondere große Hilfe dabei geleistet, Häuser an anderen Orten zu errichten. Es sei natürlich problematisch, Menschen umzusiedeln. Die Botschafterin verwies auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen im Osten des Landes, die den Wiederaufbau in diesem Bereich erschwerten.
Zum Vorwurf von Transparency International nach mangelnder Transparenz und Korruption bei der Abwicklung der Hilfsmaßnahmen erklärte die Botschafterin, es sei "nicht ganz unwahr", dass nicht alles perfekt gelaufen sei. Viele NGOs hätten ohne Abstimmung mit der Zentralregierung in einzelnen Regionen zu arbeiten begonnen. "Wir sagen nicht, dass es keine Probleme gibt", erklärte sie.

Strasser: Österreich hat sich guten Namen gemacht

Katastrophenhilfe-Koordinator Ernst Strasser erklärte die Strategie der österreichischen Tsunami-Hilfe: Man habe ausschließlich mit österreichischen NGOs zusammengearbeitet. So sei sichergestellt, dass das Geld direkt verwendet werde. Bisher seien etwa 25 Millionen der öffentlichen Hand in Projekte geflossen. Effektive Hilfe müsse über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren projektiert werden. In Sri Lanka habe man sich beim Wiederaufbau vor allem auf Gebäude und Häuser konzentriert, in Südindien beispielsweise auf Schulen und Kindergärten, aber auch in Ausrüstungen für den Fischfang. Nicht nur der Rechnungshof habe die Tsunami-Hilfe überprüft und für positiv befunden, auch die internationale Organisation der obersten Rechnungshöfe habe sich anerkennend gegenüber Österreich geäußert. Die NGOs hätten eine "sensationell gute Arbeit" geleistet. "Österreich hat sich einen sehr guten Namen gemacht, was Effizienz, Geschwindigkeit und Anpassung des Einsatzes an die Bedürfnisse betrifft", bilanzierte Strasser.

Santner: Zuerst Medien-, dann Cash-Tsunami

Persönliche Erfahrungen vor Ort referierte anschließend der ehemalige Projektleiter von Kurier Aid Austria Maximilian Santner, der zwei Jahre in Sri Lanka verbracht hat. Die erste Notphase sei insgesamt von allen gut bewältigt worden, die Solidarität im Land sei sehr groß gewesen, die Hilfe der internationalen Gemeinschaft habe rasch gegriffen. Die Tsunami-Katastrophe sei in der medialen Darstellung einzigartig gewesen, diesem Medien-Tsunami sei der Cash-Tsunami gefolgt. "Tappen wir nicht in die Falle, diese singuläre Katastrophe auf andere Situationen umzulegen", warnte Santner.
Er berichtete, dass der ethnische Konflikt im Land zwischen Tamilen, Singhalesen und Muslimen letztlich alles überdecke. Es gebe auch Spannungen innerhalb der Volksgruppen. Innerhalb dieses Rahmens habe man zu arbeiten gehabt. So sei man etwa vor dem Problem gestanden, dass die Regierung an Tamilen keine Hilfsgelder übermitteln wollte. Als weiteres Problem bezeichnete der Experte die zentralistischen Strukturen. Die Hauptstadt Colombo sei ein "Wasserkopf", es existiere eine überbordende Bürokratie. Zudem sei man - vor dem Hintergrund der ethnischen Konflikte - auch politischen Interventionen ausgesetzt. Der Hilfsmanager berichtete ferner von "latenter Gewaltbereitschaft", Nachbarschaftsneid und einem "niedrigen Solidaritätslevel". Für die konkrete Arbeit bedeute dies, dass man sich Vertrauen täglich wieder erarbeiten müsse, dass man bei der Planung viele Zeitreserven einbauen müsse, und dass es auch bei der Errichtung von Häusern neben Fertigstellungsproblemen zu Qualitätsproblemen komme.
Zu Beginn habe es einen Wettbewerb zwischen den NGOs gegeben. "Keine Hilfsorganisation konnte es sich leisten, nicht dabei zu sein", sagte Santner. Im Lauf der Zeit sei man sich aber nicht mehr auf die Füße gestiegen, sondern habe Kooperationen begonnen. Längere Planungszeiträume kämen den großen Organisationen entgegen, die auch eine bessere Nachhaltigkeit erreichen könnten. Zum Vorwurf, bei den NGOs habe es zu hohe Gehälter und Luxus-Fahrzeuge gegeben, sagte er, dass Mitarbeiter gemäß fixer Mitarbeiterschemen bezahlt würden. Die Entwicklung von Angebote und Nachfrage habe zu überhöhten Löhnen an qualifizierte Mitarbeiter aus der Region geführt.

Voitl: Private Initiative versus Bürokratie und Politik

Der Filmemacher und Helfer Helmut Voitl (Give Hope, in Kooperation mit Nachbar in Not), der mit Dr. Elisabeth Guggenberger über ein Jahr ein Hilfsprojekt in Sri Lanka durchgeführt hat, kritisiert, dass sich Sri Lanka für Menschen, die helfen wollten, als nicht partnerfähig erwiesen habe. Bürokratische, politische und ethnische Probleme seien der Grund dafür. "Sie rennen sich den Kopf blutig an den Widerständen, die Ihnen im Weg stehen", meint er. Er illustrierte die Problematik am Beispiel des von ihm initiierten Hilfsprojektes: Dabei habe man sowohl einem singhalesischen als auch einem benachbarten muslimischen Dorf beim Wiederaufbau helfen wollen. Buddhisten und die Administration wollten jedoch verhindern, dass für Muslime Häuser gebaut würden. Voitl berichtete, als "Muslimfreund" sogar mit Steinen angegriffen worden zu sein. Trotzdem sei es gelungen, das singhalesische Dorf wiederaufzubauen - dafür habe es keine Unterstützung, aber immerhin Dank lokaler Autoritäten gegeben -, und auch das muslimische Dorf an einem anderen Ort als vorgesehen, zu errichten. Dafür habe man privat Land gekauft, das man dann aber wieder der Regierung überlassen habe müssen - ohne dafür bis heute eine schriftliche Bestätigung zu erhalten. Er und seine Projekt-Partnerin hätten vor Ort gelebt, diese Basis-Arbeit habe sich als sehr ziel- und akzeptanzfördernd erwiesen. Es sei jedenfalls wichtig, derartige Erfahrungen aufzuarbeiten.

Kramer: Kultursensitiv helfen!

Gudrun Kramer vom Institute for Integrative Conflict Transformation and Peacebuilding - sie führt seit 2002 in Sri Lanka ein Dialogprojekt durch - erläuterte die höchst komplexe gesellschaftliche Situation in Sri Lanka. Von den 19 Mio. Einwohnern seien über 70% Singhalesen, 18% Tamilen und etwa 10% Moslems. Gesprochen werde auf Sri Lanka Singhalesisch und Tamilisch, wobei die Einwohner meist nicht bilingual wären. Die Konflikte reichten weit in die Kolonialzeit zurück, sie hätten in den vergangenen 20 Jahren 65.000 Todesopfer gefordert. Die Hilfsorganisationen seien sich der Spannungen im Land nicht bewusst gewesen. Mit dem Neubau von Dörfern und dem Überschreiten von zum Teil jahrhundertealten Dorfgrenzen sei es aber zu demografischen Verschiebungen gekommen, ursprüngliche Mehrheitsbevölkerungen würden zu Minderheitsbevölkerungen. So etwas sei nicht nur für Sri Lanka typisch.
Rasche Hilfe zu leisten, dabei aber konfliktsensitiv vorzugehen, darin sei die große Herausforderung gelegen. Diese Chance habe man aber - anders als in Indonesien - verpasst, der Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen sei mittlerweile wieder eskaliert. Die nationalistischen Kräfte hätten Zuwachs bekommen. Das Hereinströmen internationaler Hilfe sei von der in marxistischer Tradition stehenden nationalistischen Volksbefreiungsfront (JVP) als imperialistisch empfunden worden. Die Konfliktexpertin schätzte die Situation in Sri Lanka derzeit pessimistisch ein, Kriegshandlungen und Terroranschläge würden sich häufen. Auf der anderen Seite würden Friedensprozesse oft nicht linear verlaufen, gab sie zu bedenken. Dass die tamilische Organisation LTTE von der EU auf die Liste der terroristischen Vereinigung gesetzt worden sei, sei nachvollziehbar, für die Friedensbemühungen aber kontraproduktiv. Mit dem Kampf gegen den Terrorismus gerate die Minderheitenproblematik aus dem Blickfeld.

Diskussion: Selbsthilfekapazitäten nicht zudecken

Zu den kriegerischen Auseinandersetzungen in Sri Lanka erklärte die Botschafterin Aruni Yashodha Wijewardane, es bestehe ein ernsthaftes Sicherheitsproblem, daher würden auch die Ausgaben für das Militär erhöht. Die Strategie der Regierung basiere nicht auf Gewalt, die LTTE wolle sich aber nicht an den Verhandlungstisch setzen. Jedenfalls beeinträchtige der Konflikt den Wiederaufbau im Osten des Landes.
Auch Projektmanager Santner berichtete, dass für ihn kein Ende des Konfliktes absehbar sei. Die Projekte der Hilfsorganisationen im Norden und Osten des Landes seien noch lange nicht abgeschlossen. Er betonte, wie wichtig es sei, bei Hilfsprojekten die Selbsthilfekapazitäten vor Ort zu nutzen und diese nicht zuzudecken. Als notwendige Voraussetzungen für Helfer betonte Filmemacher Voitl Empathie und Sympathie für Land und Menschen sowie Ausbildung und Professionalität. Die Selbsthilfekapazitäten in Sri Lanka seien gewaltig, berichtete er. Er würde sich jederzeit wieder für ein Hilfsprojekt engagieren.
Tsunami-Hilfskoordinator Ernst Strasser betonte ebenfalls, dass Katastrophenhilfe nichts für Freiwillige sei - dies brauche Profis und starke, erfahrene Organisationen. Er unterstrich die Richtigkeit der österreichischen Strategie, in Sri Lanka kein Geld an Organisationen vor Ort zur Verfügung zu stellen - das Ausmaß von Korruption und Bürokratie sei dort nicht überschaubar. Es müsse um bedarfsgerechte Hilfe zur Selbsthilfe gehen. Der Projekterfolg sei dort am größten, wo Betroffene selbst am Wiederaufbau ihrer Häuser mitgearbeitet hätten, berichtete Konfliktexpertin Kramer. Dort gebe es auch weder Verzögerungen noch Qualitätsprobleme.
Neben der Kritik an den Rahmenbedingungen für Hilfsprojekte in Sri Lanka nach der Tsunami-Katastrophe waren sich die Diskutant/innen freilich einig, dass die Hilfe auch viel Positives bewirkt habe. Insgesamt gehe der Wiederaufbau voran, es dauere aber länger als geplant, so Projekt-Experte Santner. Er gab zu bedenken, dass die NGOs unter großem Druck stünden, rasch Projekte vorweisen zu können. Insgesamt gelte es, Kompromisse zu schließen und aus Erfahrungen zu lernen. Es gebe zwar NGOs, die nur Geld verdienen wollten, aber auch zahlreiche, die aus Erfahrungen zu lernen versuchten, um ihre Arbeit zu verbessern, bilanzierte Konflikt-Expertin Kramer. Es zeige sich, dass neben dem systemischen Ansatz Kultursensitivität immer wichtiger und auch zunehmend praktiziert werde.
Bei den österreichischen NGOs habe er jedenfalls keine "Katastrophengewinnler" gesehen, stellte Strasser klar. Botschafterin Aruni Yashodha Wijewardane resümierte, dass sie keinerlei negative Rückmeldungen über österreichische Hilfsprojekte in Sri Lanka gehört habe. Wenn diese schlechte Erfahrungen gemacht hätten, so müsse man diese im Kontext der gesamten Situation sehen. Es sei eine bessere Vernetzung mit der Bürokratie und dem Hilfsapparat in Sri Lanka wünschenswert, sagte sie.